Alles im Rahmen

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Das Theater RambaZamba schlägt mit Viktor Hugos „Die Elenden“ die Brücke von der Juli-Revolution ins Heute

Wie das scheppert, quietscht, stöhnt! Ins Foyer des Ramba Zamba schleppt sich in die Menge der wartenden Zuschauer der Verbrecher Jean Valjean, gespielt von Christian Behrend. Mit sich schleift er einen Metallquader, der ihn umgibt wie eine Zelle. „Gefangener 0273“, ruft ein Wärter, „du hast dein Recht auf einen Namen verwirkt“. Und mit einem gelben Pass, der ihn auf ewig als Kriminellen ausweist, wird er nun in die Freiheit entlassen.

Bei No Limits gibt es mit „Die Elenden“ eine echte Premiere: Das Berliner Theater Ramba Zamba zeigt Viktor Hugos Roman  in einer Fassung von Kay Langstengel und Enya Hutter. Viel Gut und Böse steckt hier drin, Proletariat gegen Monarchie, schwarz gegen weiß. Im Mittelpunkt der Inszenierung steht Jean Valjean. Der saß 19 Jahre ein, weil er aus Hunger ein Stück Brot geklaut hatte. Dank des Bischofs Myriel, der ihm erst die rechten Werte des Lebens weist und sich dann von ihm ausrauben lässt, entschließt sich Valjean, ein anständiger Mensch zu werden und ein neues Leben unter dem Pseudonym Madleine zu beginnen. Den letzten Diebstahl nutzt er als Startkapital, um sich zum angesehenen Fabrikbesitzer und Bürgermeister hochzuarbeiten.

Von der Fabrik zum Callcenter

In seiner Fabrik ist ebenfalls die Prostituierte Fantine beschäftigt, die die Herberge für ihre Tochter Cosette bezahlen muss. Nach endlosen Erniedrigungen stirbt sie, sodass Madleine sich der Waisen annimmt. Wegen alter Geschichten muss er untertauchen, was wiederum Marius, den Verlobten Cosettes, schwer betrübt. Gerade findet eine Revolution statt, der er sich aus Liebeskummer opfern will. Auf den Barrikaden trifft man sich wieder, Madleine kann ihn in letzter Minute retten.

Eine Ausnahme: Sven Normann © Holger Rudolph

Eine Ausnahme: Sven Normann als Bischof Myriel © Holger Rudolph

Bei Langstengel und Hutter wird der Stoff, der in Deutschland vor allem durch das gleichnamige Musical und dessen Verfilmung bekannt ist, aus der Sicht des Bischofs Myriel und seines Sekretärs Eckmann geschildert. Die Regisseure etablieren ein Stück im Stück und geben zu Beginn die Parole aus: Hier spielen alle vieles. Volkstheater, das eine Brücke ins Heute schlägt, denn Valjeans Fabrik ist ein Callcenter, eine Erpressung durch heimliche Tonaufnahmen führt zum Erfolg und die Chargen des Königs zielen per Laser auf ihre Feinde und erschießen sie lautlos. Rechteckige Metall-Rahmen beherrschen die Bühne, die sich je in eine Autopsiehalle, die Wohnung des Bischofs Myriel, eine Fabrik oder in Gefängniszellen verwandeln.

Mit der Einstiegsszene im Foyer beginnt der Abend stark. Danach aber zieht sich der erste Teil zäh dahin, mit der Ausnahme der Auftritte von Sven Normann, der in seiner Doppelrolle als Bischof Myriel und Gillenormand eine angenehme Verschmitztheit und Witz in die Szenen bringt. Auch Jenny Lau als Cosette versprüht Charme, es macht Spaß ihr zuzusehen, wie sie mit ihrem Ziehvater Valjean herumtrotzt oder ihren Geliebten Marius um den Finger wickelt. Der zweite Teil verliert gegen Ende den roten Faden und zerfällt durch die vielen Zeit- und Szenensprünge, gewinnt dafür aber wenigstens an Tempo.

Es muss funktionieren!

Aber die etwas schleppende Dramaturgie ist nicht das eigentliche Problem dieser Inszenierung. Für mich verströmte diese Premiere eine extrem bedrückende Stimmung. Von der grenzenlosen Spielfreude und Lust an Improvisation, wie sie etwa bei den Schauspieler*innen des Theater HORA am Sonntag zu sehen war, ist hier weit und breit nichts zu spüren. Texte werden gesagt, weil sie gesagt werden müssen, und wenn sie nicht aufs Stichwort kommen, plärrt sie die Souffleuse Richtung Bühne. Wenn die Metallquader nicht schnell genug von A nach B geschoben werden, kommt sofort Kay Langstengel, Regisseur, Musiker und Autor in Personalunion auf die Bühne gepoltert, um alles ins rechte Licht zu rücken. Es muss funktionieren!

Warum wird hier so verzweifelt bemüht, sich an Theaterkonventionen abzumühen und eine Bühnenperfektion zu simulieren, die erstens nicht erreichbar und zweitens in keinster Weise interessant ist? Woran liegt es, dass dieses Ensemble so hilflos und unselbstständig auf Unvorhergesehnes reagiert? Sicher nicht daran, dass sie es nicht könnten. Alles wirkt überbehütet. Aus einem Perfektionsanspruch heraus werden die Schauspieler kaum von der Hand gelassen. Als Aaron Smith ein Lied singt und sich selbst auf der Gitarre begleitet, übertönt ihn Enya Hutter überlaut, nur damit es schön klingt.

Symptomatisch auch diese Szene: Eine Schauspielerin hat einen Texthänger, was sie in einen solchen Stress bringt, dass sie die Bühne verlässt. Auch der Rest der noch anwesenden Spieler ist überfordert. Anstatt mich über eine gut hineininszenierte Souffleuse oder starke improvisierte Freiheiten zu freuen, frage ich mich ernsthaft, was bei dieser Produktion für Arbeitsbedingungen herrschen. Die engen Grenzen, die diese Form von Theater vorgibt, lässt den Schauspieler*innen keine Chance, ihre Stärken auszubilden, sondern stellt Schwächen aus.