„Alles ist erlaubt, was nicht verboten ist“

„Alles ist erlaubt, was nicht verboten ist“

Symposium: Das „Theater Hora“ ruft nach Jérôme Bel zum „Empowerment“ auf

„Wen kümmert’s, wer spricht?“, fragte vor zwei Jahren das Symposium bei No Limits 2013. Damals ging es um die Frage, wer eigentlich entscheidet, was auf der Bühne geschieht. Für das dreitägige Symposium Wen kümmert´s, wer spricht? 2 haben die Regisseur*innen, Choreograf*innen und Autor*innen mit einer „geistigen Behinderung“ selbst das Wort ergriffen – statt Wissenschaftlern und Experten sprachen die Macher*innen.

Das Theater Hora aus Zürich etwa präsentierte im Showroom des ersten Symposium-Tages (die Folge-Tage finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt) ihre „Freie Republik Hora„, die seit 2013 existiert. Ein radikales Experiment, das der Grundidee folgt, Freiräume des Denkens und Handelns für das HORA-Ensemble zu schaffen. Die einzige Handlungsanweisung: „Macht was ihr wollt und wie es euch gefällt.“ Nach dem großen Erfolg von „Disabled Theatre“ (2012) des HORA-Ensembles unter der Regie von Jérôme Bel eine radikale, eine mutige, eine wichtige Entscheidung.

Die Try-Outs: offene Experimente mit ungewissem Endprodukt

Im F40 Studio des Theater Thikwa wurde dieser „Prozess über Jahre mit ungewissem Endprodukt“ nun mit drei exemplarischen Inszenierungen im Try-Out-Modus präsentiert und zur Diskussion gestellt: Welches Theater entsteht wenn „geistig behinderte“ Regisseur*innen, Choreograf*innen und Autor*innen autonom und frei arbeiten dürfen?

NO LIMITS - Internationales Theaterfestival 2015, Berlin

Inklusives Symposiums-Publikum © Holger Rudolph

Nora Tosconi gab den Startschuß, die in pinkem Tutu und burlesquem Korsett äußerst charmant ihren Song „Ja zu mir“ performte. Eine kurzweilige gesellschaftskritische Rockballade, die sich um Körperbilder und dem selbstbewussten Statement „Ja, so bin ich“ drehte.

Matthias Brücker präsentierte mit mehreren Darsteller*innen des HORA-Ensembles „Halloween – 20 Jahre später“. Eine Choreographie des blanken Horrors mit todbringenden Zombies, die im Loop des Untoten gefangen blieb, bis Matthias Brücker selbst aus der ersten Reihe rief: Alle tot, Ende!

Abschließend nutzte Noha Badir für seine Performance „Beatrice Egli“ eine nicht enden wollende Schlagerliste vom Band, um eine trashige Karaokesituation heraufzubeschwören. In Jackett und Fanshirt (mit Autogramm!) feierte er die unerträglich weich gespülten Schlagertexte mit lässig-verschmitzten Showeinlagen.

Empowerment in den Künsten. Empowerment für die Gesellschaft?

In der anschließenden Publikumsdiskussion schien noch Ratlosigkeit darüber zu herrschen, wie „wir“ auf diese geballten Gesten der künstlerischen Selbstermächtigung reagieren, wie Feedback und Kritik aussehen könnte. Auch deshalb ist die Publikumsdiskussion ein derartig wichtiger Teil der Try-Outs. Viel zu zaghaft würde das Publikum mit den künstlerischen Arbeiten umgehen, meinte hierzu Michael Elber, der künstlerische Leiter des Theater Hora, im persönlichen Nachgespräch. Es bräuchte kritisches Feedback von Außen, sie selbst würden sich ja in der „Freien Republik Hora“ komplett rausnehmen: „Wir halten die Klappe. Wir lassen sie tun.“ Es bleibt spannend, wie sich diese Feedbackkultur in den nächsten Jahren entwickeln wird, welche Begrifflichkeiten sich für die Ästhetiken der Regisseur*innen, Choreograph*innen und Autor*innen herausbilden werden.

Der „directorial turn“ in den „disAbility arts“

Auch die Konsequenzen der zunehmenden Professionalisierung in den „disAbility arts“ ist ein wichtiges Thema. Laut Michael Elber sind bereits neuartige Konkurrenzsituationen unter den Darsteller*innen auszumachen, seit dem es diese Freiräume für Regisseur*innen, Choreograph*innen und Autor*innen mit „geistiger Behinderung“ gebe. Bei aller Begeisterung: Um das Feld nicht mit denselben neoliberalen Instrumentarien zu professionalisieren wie den gängige Mainstream, sollten „wir“ diese Tendenzen nicht übersehen: Ständiger Wettbewerb mit wachsendem Kreativitätsimperativ wären die Folge. Auffällig ist diesbezüglich die Exklusion von Darsteller*innen im Titel des Symposiums. Sind es plötzlich nur noch Regisseur*innen, Choreograph*innen und Autor*innnen, die wertgeschätzt werden?

NO LIMITS - Internationales Theaterfestival 2015, Berlin

Nick-Julian Lehmann im Gespräch mit Michael Elber vom Theater HORA © Holger Rudolph

Zurück in Zürich wird es für die „Freie Republik Hora“ weiter darum gehen, autonome, freie und selbstbewusste Regisseur*innen, Choreograph*innen, Autor*innen UND Darsteller*innen für die „disAbility arts“ auszubilden. Wegweisende Impulse könnten hierfür Workshop-Tagungen wie die  „Die Freie Republik Hora – Was sieht dein Blick?“ sein. Dort wird eben jene Frage fortgeführt: Wie kann eine Künstlergeneration mit „geistiger Behinderung“ begleitet werden, die sich allmählich ihres eigenen Handlungsvermögens bewusst wird, ohne sie allzu stark in „unsere“ spezifischen Richtungen zu drängen? Der „directorial turn“ in den „disAbility arts“ ist im vollen Gange!

2 Kommentare

  1. HELMI / HORA Zwei Abende Vier Vorstellungen | Theater HORA – Stiftung Züriwerk · 9. November 2015

    […] des dreiteiligen Abends, den die Helmis gemeinsam mit den Horas in wenigen Tagen erarbeiteten. Weil die Horas in ihrem Manifest „Freie Republik Hora“ Selbstbestimmung und Regie-Autonomie ford…, sollte der Fokus genau drauf […]

  2. Durch die Nacht mit... - NO LIMITS · 13. November 2015

    […] präsentiert Dennis Seidel seine erste Regiearbeit „Ordinary Girl“, von der es bereits beim Symposium „wen kümmerts, wer spricht 2“ einen Ausschnitt gab. Der Hamburger ist ein besonderer Performer. In einer kuriosen Mischung aus […]