Alles schief, normal eben!

Alles schief, normal eben!

Das Theater Hora macht mit „Normalität. Ein Musical“ einfach weiter. Unausgegoren, anarchisch, eitel

Im Hof des Ballhaus Ost, im Herzen des Prenzlauer Bergs, fährt ein Kombi mit Kindersitz vor. Sie ist schwanger, sitzt in pinker Strickjacke am Steuer, und er, ihr Mann, ebenfalls in Pink, mit Down Syndrom, im Beifahrersitz. Gina Gurtner ist freie Schauspielerin, Matthias Grandjean Schauspieler am Zürcher Theater HORA. Beide sind mit Headset-Mikrofonen ausgestattet, steigen aus und versenken sich in esoterischen Wohlfühlsprech: „Wenn wir alle die Kraft geben. Wir alle das Beste geben. Dann bekommt ihr alle die Kraft. Ihr alle bekommt das Beste.“ Es ist Opus‘ „Live is Life“ in deutscher Übersetzung.

Nach „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, „Mars Attacks“, „Human Ressources“ ist „Normalität. Ein Musical” (Regie: Nele Jahnke) die vierte größere Inszenierung des Theater HORA auf dem No-Limits-Festival. Omnipräsent, wie das HORA-Ensemble diesmal präsentiert wird, fahren sie fort, mit unausgegorenen Theaterabenden den Aufstand (nach Jérôme Bel, also: nach dem Welterfolg von „Disabled Theater“) zu deklarieren. Das Konzept steht: Anarchie statt Perfektion. Aber trägt es wirklich?

„es wirkt jetzt ein bisschen pathetisch, aber…“

Auf der Bühne stehen wir vor einer überdimensionierten Fototapete – einer matterhornartigen Gebirgskette – und werden von sechs Darsteller*innen in farbigen Kostümen mit Sekt begrüßt. Einer tritt ans Mikrophon und beschreibt – in Schweizerdeutsch – ein Haus, wie er es sich wünschen würde, mit Garderobe, Badezimmer, Bürozimmer, Gästezimmer, Küche. Ganz spießig, ganz normal eben.

Mit solcherart Statements geht es inmitten der Zuschauerränge weiter, nachdem wir Platz genommen haben. Ungebrochen erscheint das Leben in schlagerartigen Flosskeln: „Möchtest du etwas sagen? – Ja, Familie, Beruf, Sicherheit.“ Ruhig und freundlich versuchen die Darsteller*innen, das Publikum für sich zu gewinnen. Anfangs amüsiert das recht ordentlich, die Bilder des Normalen versprühen durchaus ihren Charme. Es gehe nicht um coole Lebensentwürfe, sondern um etwas Bescheidenes und Stabiles. Einer müsse es ja schließlich machen, sich rausnehmen und nicht gemessen werden wollen.

„…zusammen kann uns nichts passieren“

Aber letztlich ist es doch die Guckkastenbühne, die die Regisseurin Nele Jahnke für ihre Version von Normalität wählt. Vor dem matterhornartigen Gebirge folgt ein Schlager auf den Nächsten. Ob Beatrice Egli oder Helene Fischer – allesamt werden ihre Songs vom Ensemble im Playback-Modus vorgetragen, mit dem Original im Hintergrund, sodass sich das Schiefe am Glatten, das Normale am Perfekten reibt. In den guten Momenten entstehen so Bilder einer selbstbewusst behaupteten abweichenden Normalität. In den schlechteren Momenten sehnt man sich nach dramaturgischer Verknappung.

In einem Musical wäre zwischen den Liedern irgendeine Handlung zu erkennen. Hier sind es bloß kommentierende Übertitel, die die Schlagerfolgen strukturieren: „Zeit für Ordnung“, „Zeit für Arbeit“, „Zeit für Zärtlichkeit“. Manchmal entstehen darin durchaus humoreske Assoziationsräume zwischen Schlagerparty und Familienalltag.

„…ich will alles oder nichts, will 100 Prozent“

Leider überwiegt die Verweigerungshaltung. Anstatt die eigens heraufbeschworenen Vorstellungen von Normalität wie zu Beginn ernst zu nehmen, werden sie zunehmend persifliert und vorhersehbar ins Groteske gezogen. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn dabei der konzeptuelle Kern nicht verloren gehen würde: Muss man „geistig behindert“ sein, um „seine Vorstellungen von einem besseren Leben auch mal in unironischer Eindeutigkeit zu artikulieren?“, heißt es im Ankündigungstext. Eine spannungsreiche Auseinandersetzung hätte die Folge sein können. In der Regie von Nele Jahnke wird die Frage eindeutig mit „Ja“ beantwortet. Mut zur „unironischen Eindeutigkeit“, wie die „geistig behinderten“ Darsteller*innen in ihrem Bekenntnis zum Schlager präsentieren. Beim Rest? Fehlanzeige! Schade eigentlich – der Abend hätte an Radikalität gewonnen.