Applaus! Applaus!

Applaus! Applaus!

Beobachtungen beim Publikumsgespräch nach „Qualitätskontrolle“

Rührseligkeit, Mitspracherecht und Leistungsdenken waren die Themen, die Moderator Benjamin Wihstutz beim Publikumsgespräch nach der Sonntags-Vorstellung von „Qualitätskontrolle“ mit Darstellerin Maria-Cristina Hallwachs, Helgard Haug und Daniel Wetzel von Rimini Protokoll (Regie) sowie Barbara Morgenstern (Musik) führte.

War das ein rührseliger Abend?

Das Publikum ist nicht einverstanden, noch bevor Benjamin Wihstutz seine erste Frage ausgesprochen hat. Der Rührseligkeit haftet etwas Erbärmliches an, und Maria-Cristina Hallwachs will kein Mitleid, im Gegenteil.

Kaum überraschend daher, dass Hallwachs Wihstutz‘ bewusster Provokation entgegensetzt, genau das Gegenteil bewiesen zu haben. Emotional sei es ja schon, so Helgard Haug (Rimini Protokoll) fast fragend. Aber nicht rührselig. Berührend, so eine Korrektur aus dem Zuschauerraum. Ein Dritter macht den Deckel drauf: „Man hat kein bisschen Mitleid!“ Na ja…

Willst du leben?

Rührselig war’s nicht, findet auch eine Frau, die sich nun direkt an Hallwachs wendet. Mitleid aber hat sie sehr wohl. Nach einer Querschnittlähmung selbst entscheiden zu müssen, ob man weiterleben will oder nicht? Derart alleingelassen zu werden? – Das versteht sie nicht. Hallwachs‘ Vater schaltet sich ein: „Nachdem Maria-Cristina zwei Herzstillstände hatte, haben wir zu sagen gewagt: Wir möchten informiert werden und ein Mitspracherecht haben!“ Die Antwort der Ärzte: „Ihre Tochter ist volljährig, Sie haben nichts mehr zu sagen!“ So habe die Ethikkommission hinter verschlossenen Toren entschieden, die unter Drogen stehende 18-Jährige so lange zu befragen, bis ihre Antwort außer Zweifel stünde. Hallwachs hatte schon im Stück gesagt, die Frage habe sie damals in Panik versetzt: „Ich habe überlebt – natürlich will ich leben!“

Wieso Wettrennen?

Fußballspiel, Rollstuhlparcours und Oscar Pistorius: Wihstutz will von Hallwachs wissen, weshalb „Qualitätskontrolle“ immer wieder an den gängigen Konzepten unserer Leistungsgesellschaft festhalte, statt entschieden mit ihnen zu brechen.

Hallwachs‘ Ansatz ist ein pragmatischer: „Das ist unsere Gesellschaft. Wir definieren uns alle über Leistung.“ Sie selbst werde konsequent mit dem Vorurteil konfrontiert, keine Leistung erbringen zu können. Eine Tatsache, der sie etwas entgegensetzen will. Indem sie einen Rollstuhlparcours unter 40 Sekunden absolviert, zum Beispiel.

Applaus? Eine Anmerkung

Apropos Leistung: Dass das Publikum ihre 35 Sekunden mit einem Zwischenapplaus belohnt, ist ja irgendwie total verständlich. Dennoch frage ich mich an dem Abend nicht zum ersten Mal: Warum Applaus?

Diese Klanggeste, bei der wir die Handflächen laut schallend zusammengeschlagen, ist unsere auffälligste Möglichkeit, mit der Bühne zu kommunizieren – was sagt sie über uns aus? Honorieren wir mit ihr eine herausragende Leistung? Klopfen wir anerkennend auf die Schulter, oder sagen wir einfach Danke? Wann ist unser Applaus Bericht unserer Begeisterung oder Dankbarkeit, wann Ausdruck unseres Mitleids, unserer Unsicherheit? Ein erleichternder Akt, ein Durchatmen, ein „Hey, das hast du jetzt aber gut gemacht!“?