Auf charmante Weise unernst

Auf charmante Weise unernst

Der erste Abend des Festivals im Festival „Eins, zwei, drei“ im Theater RambaZamba

Eins, zwei, drei Abende lang geht das Festival im Festival. Heißt auch „Eins, zwei, drei“ und versammelt beim No Limits insgesamt elf Kurzproduktionen vor allem aus dem Bereich Tanz. Aber nicht nur, weil den Anfang am ersten Abend setzte die Videoperformance „Passage“ von Foofwa d’Imobilité, einem Choreographen aus der Schweiz. Im Theater RambaZamba gegen die geflieste Wand projiziert, bewegen sich er und die zweite Performerin Carine Pache auf die Kamera, also das Publikum zu. Carine Pache im Rollstuhl und Foofwa d’Imobilité auf einem Stuhl – ohne Roll-. Sie gleitet gleichmäßig, er hoppelt unter zunehmender Kraftanstrengung neben ihr her. Ein ungleiches Rennen, bei dem beide aber immer auf gleicher Höhe bleiben.

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Ungewöhnlicher Pas-de-deux: Arturo Parilla und Jaime García © Holger Rudolph

Auf diesen Anfang folgten Performance zwei und drei, beide von der Compagnie Danza Mobile aus Spanien, beide mit einer ungefähren Länge von zehn Minuten, beide mit einem Pärchen im Pärchen-Look. Bei „IDEM (qué monocigótico me siento)“ tragen Arturo Parilla und Jaime García Blümchenpullover und kurze Hosen. Auf sehr kalkulierte Weise disst der eine den anderen und versucht klarzustellen: „We are not the same.“ Also: Wir sind gar nicht gleich, obwohl wir doch so gleich aussehen. Bei „SendaS“ tragen Sara Gómez Barker und Ana Erdozain weiße T-Shirts und braune Hosen. Die eine blind, die andere nicht, aber das ist nicht der Punkt, weil: Gemeinsam machen sie eine gefühlige Choreographie.

Ins Spiel verwickelt

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In der „Snook Brothers“-Bank: Denni Dennis mit der ins Spiel verwickelten Autorin © Holger Rudolph

Performance Numero vier, „Snooks Brother’s Bank“ vom Hijinx Theatre aus Großbritannien, ist dann eigentlich gar keine Kurzproduktion, sondern eine theatrale Installation, die ihren penetranten Witz über 40 Minuten hinaus zieht. Die Geschäfte der im Titel genannten Bank werden nämlich nicht einfach abgewickelt, sondern kompliziert entwickelt. Die beiden Performenden Denni Dennis und Martin Vick laden einzelne Zusehende ins Spiel ein, verwickeln diese in Büro-Slapstick. Die haarsträubenden Wiederholungen, die den Slapstick zum Slapstick machen, mögen ermüden. Ich war aber eine von den ins Spiel eingewickelten und deswegen beschäftigt mit der Weiterentwicklung des Ganzen.

Was ist Tanz?

Ein Festival im Festival zu veranstalten ist eine ambitionierte Sache. Das No-Limits Festival-Programm ist ja schon voll, auch mit zeitgleich programmierten Produktionen. Bei „Eins, zwei, drei“ besteht hingegen die Möglichkeit alles zu sehen und nichts zu verpassen. Durch die Aufeinanderfolge von sehr diversen Kurzproduktionen kann der Eindruck eines Überblicks über zeitgenössisches Theater mit, und im Falle der fünfte Produktion auch wirklich von, Menschen mit Behinderung entstehen. Da fragen Julia Häusermann und Remo Zarantonello vom Theater Hora: „Was ist Tanz?“.

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Eine Antwort, keine Frage: Julia Häusermann © Holger Rudolph

Zarantonello formuliert die Vorgaben und sorgt für Musik. Häusermann formuliert Antworten, nicht sprachlich, sondern körperlich auf Sätze wie „Das ist Tanz“, „das ist zeitgenössischer Tanz“ und „das ist schlechter Tanz“. Der subtile Witz dieser Performance äußert sich in der Nebeneinanderschichtung von sprachlicher Vorgabe und tänzerischer Umsetzung. Da besteht keine notwendige Beziehung zwischen den beiden. „So tanze ich Yoga“ und „so tanze ich bei Jérôme Bels ‚Disabled Theater’“. Julia Häusermann, 2013 beim Theatertreffen Berlin für ihre Darstellung in eben dieser Inszenierung mit dem Alfred-Kerr-Darstellendenpreis ausgezeichnet, vermischt Biographisches mit Kategorialem und verwischt so das eine mit dem anderen. Das ist gewitzt, weil Unterschiedliches wie gleichwertig nebeneinander steht. Und das ist klug, weil es die oft so eisernen Bande zwischen Kategorie und Tanzstil auf charmante Weise für unernst erklärt.

2 Kommentare

  1. Kurz kurz lang - NO LIMITS · 14. November 2015

    […] dritte Abend des Festivals im Festival „Eins, zwei, drei“ – nach Teil 1 und Teil 2 – versammelte zwei Zwanzigminütiger und ein abendfüllendes Stück. Zu elektrisierender Musik und […]

  2. "Einen Eistee, bitte!" - NO LIMITS · 16. November 2015

    […] Nadine Kaufmann: Inhaltlich fand ich aber „Was ist Tanz„, von Julia Häusermann am […]