Auf der Spitze des Daseinsbleistifts

Auf der Spitze des Daseinsbleistifts

Kroog 2 aus Russland zeigt „Entfernte Nähe“

Ursprünglich hatten die Menschen kugelförmige Rümpfe, vier Hände und vier Füße und zwei Gesichter auf einem Kopf. Eines Tages versuchten sie übermütig, den Himmel zu erstürmen. Da wurden sie von Zeus fürchterlich bestraft, indem er sie in zwei Hälften aufspaltete. Seither irren die Menschen verloren durch die Welt, immer auf der Suche nach ihrer zweiten Hälfte.

Zärtliche Wiedervereinigiung

Platons Mythos vom Kugelmenschen hat auch nach tausenden von Jahren nichts von seiner magischen Kraft eingebüßt. In „Entfernte Nähe“, der Inszenierung vom integrativen Theaterstudio Kroog 2 aus Russland, ist die vom Mythos beschriebene Sehnsucht nach dem Ich im Anderen omnipräsent. Immer wieder treten die insgesamt acht Schauspieler als Zwillingspärchen auf, tanzend zu den mal temporeich-heiteren, mal schleichend-sehnsuchtsvollen Klängen von Bongo, Flöte, Kontrabass und Mundharmonika. Die einen wirken dabei wie Wrestling-Kämpfer, die anderen wie zwei sich umeinander drehende Kreisel.

In jedem Fall wird der Berührungskontakt zur Partnerin oder zum Partner stets gewahrt, wenn auch mitunter nur die Köpfe oder sogar nur die Fingerspitzen einander berühren. Manchmal formen die Tänzerinnen und Tänzer mit ihren Armen auch einen Kreis um den Partner herum – als hielten sie eine unsichtbare Glashaube in der Hand, die sie dem Anderen überstülpen. Was auf der Bühne stattfindet, erscheint so als zärtliche Wiedervereinigung der Kugelmenschen.

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Bestärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass der Kugelmenschen-Tanz vor einer Rollwand stattfindet, auf deren grünem Grund weiße Dreiecke und graue Streifen abgebildet sind und die wiederum aus zwei Teilen besteht – abwechselnd werden diese auseinandergerückt und wieder zusammengeschoben. Auch die einander ergänzenden Kostüme der Tänzer scheinen aus geometrischen Formen zusammengesetzt zu sein – eines der Zwillingspärchen trägt beispielseise ein knallrotes respektive orangenes Kleid, das jeweils von einem grauen Balken schräg durchzogen ist. So wirkt es, als wäre ein abstrakt-expressionistisches Bild zum Leben erwacht, das in seinen einzelnen Elementen über die Bühne wirbelt und sich in immer neuen Formationen zusammensetzt.

Kohlsuppendampf

„Wenn ich schlafe, bin ich lebendig.“
„Ich lebe in einer parallelen Realität.“
„Die Nacht hat mich auf der Spitze des Daseinsbleistifts gezeichnet, unter Begleitung von Regen.“

Die Dialoge (bzw. zweisamen Monologe) der Schauspieler verweisen fernab der Alltagssprache auf einen Raum, in dem die Grenze zwischen Tag und Nacht, Traum und Realität verwischt ist. Während des Sprechens stehen die Zwillingspärchen abwechselnd an einer kleinen Küchenzeile, schnippeln Gemüse und Kochen eine echte (!) Kohlsuppe, deren Geruch bis in die hintersten Reihen vordringt. Vom Prinzip her ist die Idee schön: die abstrakt-expressionistischen Sprachgebilde in einem Gericht verarbeiten und somit auch mal eben das Wesen der Aufführung austricksen – sie verpufft nicht nach einer Abfolge flüchtiger Momente im Nichts, weil am Ende ein Resultat steht, das gerochen, berührt und sogar geschmeckt werden kann.

Praktisch gesehen führt die Umsetzung dieser Idee allerdings dazu, dass die Aufführung zeitweilig unfreiwillig komisch wirkt: Da versammeln sich die Schauspieler auf einer Picknickdecke im Kreis, löffeln eifrig ihre Suppe und erfinden dabei Zahlenreime. Aber müssen denn Kugelmenschen immer zufrieden und harmonisch sein wie eine mit Bonbons zufriedengestellte Schulklasse? Sollten sie sich nicht besser Zeus‘ Allmacht widersetzen und übermütig versuchen, den Himmel zu erstürmen?

6 Kommentare

  1. Gerd Hartmann · 12. November 2013

    Wenn sich diese drei Zweierwesen zum kleinsten gemeinsamen, – und einzig möglichen – Kommunikations-Nenner treffen, nämlich zum Suppeessen und dabei über skurrile Zahlenassoziationen in Kontakt kommen, dann ist das nicht unfreiwillig komisch, sondern: komisch. War genau so beabsichtigt. Im übrigen schadet es nicht, über den eigenen Suppenteller-Rand hinauszublicken. „Entfernte Nähe“ ist das erste professionelle inklusive Theaterstück in Russland überhaupt. Dass es seit über einem Jahr stets ausverkauft im Repertoire eines staatlichen Theaters läuft, ist eine kleine Sensation. Um eine solche Diskussion um Behinderung und Kunst zu erreichen, haben wir diesen versöhnlichen Schluss gebaut, der sich im übrigen anschließend nochmals auflöst. In Deutschland hätte ich das nie so gemacht….