Möwe mit Schwarm im Rücken

Möwe mit Schwarm im Rücken

Eindrücke vom Symposiums-Workshop mit Adrian Jones und Margret Ames

„How exiting“, sagt Margret Ames und reibt sich die Hände. Auf die Teilnehmer_innen des samstagnachmittäglichen Workshops wirkt das einschüchternd. Was hat Ames  mit uns vor? Erstmals sollen wir uns ganz nach der Choreografie vom Adrian Jones bewegen, seine Gesten nachahmen und interpretieren.

Jones ist lernbehindert, verfügt aber über eine außerordentliche Beobachtungsgabe. Aufgewachsen in den ländlichen Gebieten von Wales, beobachtete er akribisch die Natur und das alltäglich Geschehen um sich und macht seine Beobachtungen anschließend zu Thema seiner Choreografien.

Ames ist Dozentin an der Aberystwyth Universität. Ihr Forschungsgebiet: die Korrelation zwischen Behinderung und Performance. Sie gründete die walisische Tanzkompanie ‚Cyrff Ystwyth‘ und integrierte Jones als Choreografen. Die Tanzgruppe aus Behinderten und Nichtbehinderten beschreibt sie auf der Webseite der Universität als längerfristiges Forschungsprojekt. Macht das uns, die Teilnehmer_innen ihres Workshops, nun (auch) zu ihren Forschungsobjekten?

Im Schutz der Gruppe

Nachdem wir durch kurze Filmsequenzen in Jones‘ Choreografien Einblick erhalten, sollen wir diese selbst umsetzen. Die erste Sequenz zeigt Frauen, die sich wie Möwen bewegen. Dies führt dazu, dass auch wir uns kurz darauf wie Möwen bewegen. Unsere Augen fixieren Jones, dessen Bewegungen wir nachzuahmen versuchen. Wir fliegen und krätzen durch den quadratischen Raum der Werkstatt des Thikwa Theaters und fühlen uns im Schutz der Gruppe auch einigermaßen wohl dabei.

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Vorne kniet Adrian Jones, hinten leicht erhöht Margret Ames © Michael Bause

Jones’ Bewegungen sind  teils etwas unpräzise und verlangen nach Interpretation. Um Einheitlichkeit, Klarheit und Struktur zu schaffen, greift Ames die Bewegungen auf und konkretisiert sie in ihrer Ausführung. So ist es als Teilnehmer_in folglich einfacher, Ames zu folgen als Jones’ vagen Andeutungen. Auch wenn sich Jones nur schwer (sprachlich) zu artikulieren weiß, versucht Ames durch häufiges Fragen, so gut wie möglich auf ihn einzugehen.

Nichtsdestotrotz wird es stets Interpretationsraum geben, den es auszufüllen gilt – und dieses Vervollständigen übernimmt vorwiegend Ames, Produzentin der Dance Company. Somit stellt sich die Frage, wie viel Jones in seinen Choreografien noch enthalten ist? Und wie diese aussähen, wenn Ames sie nicht mitkonzipieren würde?

Wer ist ‚Wir‘?

Zu jeder der uns vorgestellten Bewegungen hat Ames einen Namen und eine interpretatorische Bedeutung parat. Jones sitzt währenddessen still und gedankenversunken in unserem Kreis und spielt an seiner Hand rum, bis Ames es ihm verbietet. Sie erzählt uns, wie in einem Training die gesamte Truppe Jones in einer Menschentraube folgte, als er sich plötzlich umdrehte und mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger auf Ames zeigte: „It’s a Ghost.“ Die anderen taten es ihm gleich. „Es war ein langer Prozess, bis wir die Bewegung ‚The Ghost‘ vollständig ausgereift hatten, so dass wir sie ins Programm aufnehmen konnten“, schließt Ames. Wie wirkt sich dieser Prozess auf das Ursprüngliche aus? Wer gab der Bewegung ihren Namen? Und wer ist ‚Wir‘?

Antworten auf all diese Fragen, die das gegebene Abhängigkeitsverhältnis restlos klären, sind nur schwer zu finden. Auch der Besuch des Workshops hat dazu wenig beigetragen. Klar ist aber, dass wir als Nichtbehinderte auf Jones angewiesen sind, weil er uns als Choreograf die Bewegungen vorgibt. Hätte Jones hingegen niemanden, der sich für seine Arbeit interessiert und sich – wie Ames – ihrer annimmt, bliebe Jones einfach eine einsam tanzende Möwe ohne Schwarm im Rücken.