Ein einsamer Vogel in der Stille der Nacht

Ein einsamer Vogel in der Stille der Nacht

Das Bremer Blaumeier Atelier erzählt den Mythos von „Orpheus & Eurydike“

Kreischende Wesen in grell-orangenen Kleidern schwirren um Orpheus herum, der reglos am Fluss sitzt und ins Nichts starrt. Mänaden sind es (wörtlich etwa „die Rasenden“), welche ihn im Namen des Weines, der Fruchtbarkeit und der dionysischen Ekstase dazu verlocken wollen, sich dem gegenwärtigen Moment hinzugeben, darin zu versinken.Als bunter Vogelschwarm scharren sie sich um ihn, streicheln ihn, reißen an ihm, doch Orpheus scheint sie gar nicht wahrzunehmen. Nur an seine unendlich geliebte Eurydike kann er denken, die er soeben endgültig ans Totenreich verloren hat. Da werden die Mänaden böse angesichts seiner abwesenden Haltung, zerrupfen ungestüm die Rosen, die er sich zum Andenken an Eurydike ins Knopfloch gesteckt hat und werfen die Blätter in die Luft – wie Schneeflocken rieseln sie auf Orpheus hinab. Niemals wieder darf er ins Totenreich eindringen, doch auch im Leben will und kann er nicht mehr anwesend sein – Orpheus erscheint so als unglücklichster Mensch der Welt, verloren in einem Raum jenseits von Leben und Tod.

Ergreifend-tragische Lebendigkeit

Das Bremer Blaumeier Atelier zeigt inklusives Volkstheater mit Live-Musik und verleiht so dem Mythos von Orpheus und Eurydike eine knallbunte, schillernde und dennoch ergreifend-tragische Lebendigkeit. Insgesamt vier Paare (die Männer alle in dunkelblauen Samtjacketts, die Frauen in violetten Blümchenkleidern) wechseln sich hier in der Darstellung der beiden Liebenden ab, mal erscheinen auch alle zusammen auf der Bühne.

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Mänaden in Aktion © Michael Bause

Die Geschichte ist bekannt: Eurydike, die Braut des begnadeten Sängers Orpheus, stirbt kurz nach der Hochzeit durch einen Schlangenbiss. Verzweifelt steigt Orpheus mithilfe des Götterboten Hermes in die Unterwelt und überredet Hades mit seinem betörenden Gesang dazu, ihm seine Geliebte zurückzugeben. Dies wird ihm unter der Bedingung gewährt, dass er sich nicht zu ihr umdrehen darf, bis sie wieder ins Reich der Lebenden zurückgekehrt sind. Jedoch kann Orpheus es nicht erwarten…

Herr der Uhren

Hauchdünn und voller Schlupflöcher ist dem Mythos zufolge also die Scheidewand, die den Raum der Lebenden vom Totenreich trennt. Dies wird in der Aufführung des Blaumeier-Ateliers auf spritzige Weise gezeigt. Da sind zum Beispiel auf der einen Seite zweier Rollwände etliche Uhren angebracht, die von der Unterwelt aus unentwegt ticken. Hades (in einem weißen Anzug, der ebenfalls aus lauer Uhren zusammengesetzt zu sein scheint) wird hier nämlich als Verwalter der (Lebens-)Zeit präsentiert. Werden die Rollwände umgedreht, so sind die Uhren verborgen. Auf dieser Seite bringen Orpheus und Eurypide umständlich ihr Hochzeitsfoto an. Jedoch sind die Uhren auf der Rcükseite auch in ihrer Unsichtbarkeit noch präsent und strafen die Zeitlosigkeit des Fotos Lügen. Das Leben als bloße Vorwegnahme des Todes also?

Durchgänge zwischen Lebens- und Totenreich

Macht über die Kulissen haben übrigens all jene, denen göttliche Kräfte innewohnen. Zu dieser Gruppe gehören auch die beiden Musiker, die mit Klavier, Percussions, Ukulele und Flöte einen Klangteppich ausbreiten, auf dem die Liebenden herum irren. Anfangs singen sie dem Publikum sogar vorm Theatergebäude die mythologische Story als Moritat vor.

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Hermes (Melanie Socher) bei der Arbeit © Michael Bause

Besonders beeindruckend ist das quirlige Auftreten Melanie Sochers als Götterbote Hermes. Mit Fliegerbrille, Glitzerschuhen und weißer Hose verkleidet erinnert Melanie Socher an Michael Jackson, Elvis Presley und einen übermütigen Piloten zugleich. Sie ist es, die in einer Abfolge slapstickartiger Szenen einen Hauch göttlicher Schönheit in das banale Alltagsleben des frisch vermählten Paares hineinzutragen versucht (zum Beispiel, indem sie hinter einer Rollwand verborgen Orpheus einen Blumenstrauß in die Hand drückt). Eifrig schiebt sie die Rollwände hin und her und schafft so die Durchgänge zwischen Lebens- und Totenreich.

Auch für Hades (bei Michael Riesen ein herrlich verrückter Professor mit unbeweglich grinsendem Gesicht) ist die Bühnenwirklichkeit ein bloßes Spiel, dessen Regeln er allein kennt. Als er nach dem wüsten Auftritt der Mänaden im Raum der Lebenden auftaucht, scheint dieser durch seine Anwesenheit auf einmal aus nichts als zerbrechlichen Kulissen zu bestehen – unter seinen Händen wird der Fluss zu einem bloßen blauen Tuch, in das er Orpheus einwickelt. Hat Orpheus zuvor immer wieder laut den Namen seiner Geliebten gerufen, sind es nun unsichtbare Stimmen, die um ihn her unentwegt leise flüstern: „Eurydike! Eurydike…“

Ein Raum jenseits von Leben und Tod

Ruft man sich jedoch den slapstickartig dargestellten Alltag der beiden in Erinnerung, so bleibt die Frage, ob er wirklich der Eurydike nachtrauert, mit der er diesen Alltag geteilt hat, oder ob sie nicht in ihrer Abwesenheit erst ihre unwiderstehliche Schönheit gewinnt. In diesem Falle würde Orpheus‘ Sehnsucht einer idealen Figur gelten, die es überhaupt nie gegeben hat, und seine abwesende Haltung wäre mehr als nur die Verkörperung purer Trauer und Nostalgie. Er wäre dann „der Unglücklichste“ im Sinne Kierkegaards: Hoffend auf etwas, das nicht sein kann und sich erinnernd an etwas, das es nie gegeben hat – kein Mitläufer im Lärm des Lebens, sondern ein einsamer Vogel in der Stille der Nacht. Zwar ist er tatenlos und in absoluter Melancholie versunken, aber doch ist er in einen zeitlosen Raum jenseits von Leben und Tod eingedrungen. Am Ende ist es die Phantasie der Zuschauer, die diesen so trostlosen Raum mit konkreten Vorstellungen dessen füllen muss, was noch nie war und was hätte sein können.