„Einen Eistee, bitte!“

„Einen Eistee, bitte!“

Bei No Limits 2015 gab es einen Showcase des Zürcher Theater HORA. Die Blogger Nadine Kaufmann und Georg Kasch im Facebook-Gespräch über Höhepunkte, Enttäuschungen und HORAs Weg nach „Disabled Theater“

12:55 Georg Kasch: Wir haben beim No Limits 2015 viele Produktionen des Theater HORA gesehen. Das ganze war ja ein Showcase unter dem Motto „Theater HORA nach Jérôme Bel“. Wie ist Dein Eindruck von der Truppe aus Zürich?

12:57 Nadine Kaufmann: Erstmal habe ich sie als unglaublich arbeitswütig wahrgenommen. Ich meine das gar nicht negativ, aber ich glaube, jeder Schauspieler hat ja durchschnittlich in vier Produktionen mitgewirkt, oder?

Tryouts und Kerzen

12:59 Georg Kasch: Ja, das war eine enorme Leistung. Zumal ja oft die kleineren Produktionen wie die Hitchcock-Reihe noch nach den großen Inszenierungen kamen, die Schauspieler also bestimmt nie vor Mitternacht im Bett waren. Oder diese dreiteilige Geschichte mit den Helmis – das ging fünf Stunden! Klar, mit Pausen, aber dennoch: Dafür war ihre Konzentration ziemlich hoch.

13:00 Georg Kasch: Welche Produktion hat Dich am meisten beeindruckt?

13:04 Nadine Kaufmann: „Schlafen kann ich wenn ich tot bin“. Es war spannend, bei den drei Tryouts drei verschiedene Herangehensweisen von Regiearbeit zu erleben. So eine Art szenische Zusammenfassung der Diskussion um Regisseure mit geistiger Behinderung.

NO LIMITS - Internationales Theaterfestival 2015, Berlin

„Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, Teil 2: „Die Tribute von Panem“ © Holger Rudolph

13:06 Nadine Kaufmann: Bei „American Beauty“ kam der Impuls von den Helmis, wenn ich das richtig verstanden habe und es wurde kollektiv gearbeitet. „Hunger Games“ war ja eine Arbeit von Gianni von den HORAs, der auch gleich noch die Hauptrolle gespielt hat. Bei „Ein Bett mit tausend Kerzen“, das am improvisiertesten und total anarchisch wirkte, wurde versucht, Ideen und Bilder von Tiziana auf der Bühne umzusetzen, ohne dass sie jetzt klare Regieanweisungen gemacht hätte.

Sich Schubladen nehmen

13:09 Georg Kasch: Ging mir auch so. Und die Hitchcock-Reihe, von der ich nur „Die Vögel“ gesehen habe. Das war so komisch und auf den Punkt, aber auch voller Zitate und Anspielungen! Wie Remo Beuggert als Regisseur da Splatter und Trash mit echter Spannung verbunden hat, mit echten Schockmomenten, das fand ich toll. Außerdem Momente einzelner Schauspieler. Etwa Julia Häusermann, die ich seit dem Kerr-Preis beim Berliner Theatertreffen 2013 besonders beobachte. In „Mars Attacks“ gibt’s diese Szene, wo Häusermann eine grobe Schaumstoffpuppe so behandelt, als wäre es ihr Freund. Als Florian Loycke ihr sagt, sie solle ihn aufgeben, der sei eh kontaminiert, bricht sie in höchst realistisches, existenzielles Schluchzen aus, so dass man denkt: Mist, geht hier gerade Realität und Wirklichkeit durcheinander? Zumal Locke ja auch irgendwas in der Art sagt. Dann fragt er sie, ob sie was trinken möchte. Sie schaut auf und sagt ganz trocken: „Einen Eistee, bitte“. Das ist ein Umschlag der Gefühle, bei dem einem der Atem stockt, bevor der Comic Relief einsetzt.

13:09 Nadine Kaufmann: Inhaltlich fand ich aber „Was ist Tanz„, von Julia Häusermann am spannendsten.

13:09 Georg Kasch: Ja, genau: Was passiert da eigentlich?

13:15 Nadine Kaufmann: Für mich setzt sich Julia Häusermann da mit einer ganzen Kommode voller Schubladen und sperriger Begrifflichkeiten auseinander. Ich habe nicht viel Ahnung von Tanz und deswegen auch keine, wie man darüber spricht. Häusermann nimmt sich die Schubladen einfach. Was ist trauriger Tanz? Und dann tanzt sie eine Antwort aus sich heraus. Was ist emotionaler Tanz? Sie tanzt und ich verstehe. Wie war das für dich?

Abende, die dramaturgisch durchhängen

13:20 Georg Kasch: Ich war auch enorm beeindruckt. Ich kannte ja ihre Choreografie aus „Disabled Theater“, wobei interessant war, dass sie sie hier intellektualisiert hat, weil sie noch viel stärker auf den Text eingegangen ist von Michael Jacksons „They don’t really care about us“. Generell merkte man, wie sehr sie darauf bedacht war, jeder Antwort eine eigene Farbe, einen neuen Zugang zu verleihen. Sie hat das mit einer Konsequenz durchgezogen, die mich verblüfft hat.

13:21 Georg Kasch Von den drei großen Abenden beim Showcase allerdings war ich enttäuscht.

13:22 Nadine Kaufmann: Also „Mars Attacks!“, „Normalität“ und „Human Ressources“. Was hat dich gestört?

13:24 Georg Kasch: Dramaturgisch hängen alle drei Abende durch. Man ahnt, was sie erzählen wollen, kriegt dann aber nur Bröckchen hingeschmissen. Bei „Mars Attacks!“ blitzt immerhin hier und da die anarchische Spiel- und Improvisationsfreude der HORAs auf. Aber wenn ich das mit der anderen HELMI-Zusammenarbeit vergleiche, etwa „Die Tribute von Panem“, dann war da wesentlich mehr Struktur, mehr Erzählung, mehr Pointe.

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„Mars Attacks“ © Holger Rudolph

13:25 Georg Kasch: Die Themen, die „Normalität“ ansprechen wollen, sind doch alle wahnsinnig interessant. Und dann verplätschern die so im Ungefähren. Und bei „Human Resources“ habe ich mich richtig geärgert, weil die Leute von kraut produktion die HORA-Schauspieler als Staffage missbrauchen. Das thematisieren sie zwar und sagen: So ist das in der Gesellschaft auch. Aber das ist zu wenig zugespitzt und weitergedacht. Mal davon abgesehen, dass ihre Feier der Neo-Avantgarden, mit der sie sich in den Vordergrund drängen, auch ziemlich angestaubt ist. Wenn ich den Eindruck habe, ein Abend will mich bewusst langweilen und nerven, dann muss er das mit irgendwas aufwiegen. Erkenntnis vielleicht, großer Sinnlichkeit, ein Mich-Angreifen auf der einen oder anderen Ebene. Wie Frank Castorf, wie Vegard Vinge, wie in seinen guten Arbeiten Sebastian Hartmann. Das habe ich hier sehr vermisst.

13:28 Nadine Kaufmann: Bei den „Tributen“ haben ja auch nicht die Helmis Regie gemacht „wink“-Emoticon „Human Ressources“ habe ich nicht gesehen, aber das klingt, als hätte man es sich zu einfach gemacht.

Was wird hier gespielt?

13:30 Georg Kasch: Das ist mein Vorwurf, ja. Ich verstehe, was die Helmis dazu bewogen hat, da die Zügel besonders locker zu lassen, zulasten des Publikums. Aber was hat die Krauts geritten? Und warum lässt Nele Jahnke als Co-Leiterin von HORA nach dem vielversprechenden Einstieg ihren Schauspieler*innen so wenig Luft etwas zu erzählen?

13:31 Georg Kasch: Das ist natürlich auch eine Frage an die HORA-Leitung. Für mich wirkten diese drei großen Produktionen nach „Disabled Theater“ wie ein konsequenter Weg weg vom strengen Rahmen, den Bel vorgibt und der von manchen als diktatorisch wahrgenommen wurde. Aber Kunst funktioniert nun mal nicht ohne Struktur, denke ich.

13:31 Nadine Kaufmann: Ich finde auch spannend, die Themenaufteilung anzuschauen, also: Wer hat ein Interesse an was? Sowohl bei „Normalität“ als auch bei kraut produktion geht es um Fragen von Norm, Inklusion etc., während das für die Regiearbeiten der Hora-Schauspieler kein Thema ist. Oder ist das dann Spielplanpolitik?

13:34 Georg Kasch: Ich denke ja auch, dass man mit diesem fantastischen Ensemble alles inszenieren kann. Aber es braucht schon einen entschiedenen Zugriff, der einen Rahmen steckt, in dem dann genügend Luft bleibt für die HORAs.

13:35 Nadine Kaufmann: Das klingt so utopisch einfach. Hast du das Gefühl, es gab solche Ansätze beim Festival oder lebt das bisher in der Theorie?

Vorschlag: Doppelstrategie

13:40 Georg Kasch: Das lebt bislang zum einen in „Disabled Theater“. Zum anderen in „Die Lust am Scheitern“ von 2000, eine traumhafte, oft an Marthaler erinnernde Improvisation.

13:42 Nadine Kaufmann: Aha, dabei sollte doch „Freie Republik Hora“ eigentlich eine Emanzipation vom „Disabled Theater“ sein.

13:45 Georg Kasch: Das funktioniert auch. Also: Dass die HORA-Schauspieler noch stärker autonom werden. Diese Regieprojekte gehören, auch in den noch nicht so ganz ausgereiften Fällen, zu den spannenden HORA-Sachen gerade. Schon in „Disabled Theater“ war das angelegt: Die Schauspieler wurden da ja zu den Schöpfern ihrer Kurzchoreografien.

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Eines der Tryouts von „Freie Republik Hora“ © Florian Krauss

13:49 Georg Kasch: Für mich steckt in dieser Schau „nach Bel“ vor allem ein Suchen. Aber das Scheitern birgt ja auch Chancen. Ich glaube, das Theater HORA musste und muss einen Weg finden, mit dem Erfolgsdruck nach „Disabled Theater“ umzugehen. Ich könnte mir da gut eine Doppelstrategie vorstellen, die, wenn ich das richtig sehe, auch verfolgt wird: Einerseits wieder starke Regiehandschriften ans Haus holen, Leute mit eigenen Ideen, die wirklich mit dem Ensemble arbeiten wollen auch jenseits von Karriereaspekten. Und andererseits die „Freie Republik HORA“ stärken und mit Formaten wie der „Hitchcock“-Reihe ganze Abende zimmern. Das Experiment soll ja am Ende in eine abendfüllende Produktion münden.

13:52 Nadine Kaufmann: Das würde also heißen, neben der Schauspielausbildung, die da schon angeboten wird, noch eine Regieausbildung aufzubauen.

13:53 Georg Kasch: Genau. Wobei die „Freie Republic HORA“ ja schon die Richtung geht. So viel muss man da auch nicht machen, vieles steckt schon in den HORAs drin, wie wir gesehen haben. Vielleicht braucht es nur die Ermutigung und die Rahmenbedingungen, damit sich ihre Kreativität auch in abendfüllenden Produktionen Bahn brechen kann.

2 Kommentare

  1. Lukas · 14. November 2015

    Spannend!
    Bitte weiter diskutieren.

    Hatte leider keine Zeit, mir was anzusehen. Und jetzt denke ich mir: verflixt! Ich will auch was dazu sagen…

  2. Giancarlo · 17. November 2015

    Liebe Nadine, lieber Georg
    nur ein kurzes Feedback!
    vielen Dank für euer Gespräch. Es ist natürlich für uns „HORA-Macher“ unglaublich wertvoll eure Überlegungen und Reflexionen zu lesen.
    Gerade die Erwähnung, dass HORA vermutlich eine Doppelstrategie verfolgt, freut mich enorm. Du hast natürlich voll ins Schwarze getroffen, genau das ist unsere Absicht! Einerseits die Zusammenarbeit mit externen Regisseuren, andererseits die konsequente Weitersuche der künstlerischen Autonomie der HORA-SchauspielerInnen.
    liebe Grüsse aus Zürich.
    Geschäftsleiter Giancarlo Marinucci