Elefanten im Weltall

Elefanten im Weltall

Anne Tismer sucht Roberta beim „Prinzip Struwwelpeter“ III

Eisiger Wind fährt den Flugzeugpassagieren in die Glieder, als sie sich durch den Notausgang zwängen. Die Mutigsten unter ihnen stürzen sich mit Fallschirmen in die Tiefe – und werden dafür mit begeistertem Applaus belohnt.

Am dritten Tag des „Prinzip Struwwelpeter“ zeigt Anne Tismer im Theater RambaZamba ihre Kunstaktion um die „Geschichte der fliegenden Roberta“. Gegen Ende der Aktion absolvieren Freiwillige auf der Bühne einen Kurs im Fallschirmspringen. Das ganze Publikum folgt ihnen anschließend über eine Feuerleiter in den Hinterhof, wo sie ihr Können unter Beweis stellen. Freudestrahlend rasen sie auf dem Hof herum, wobei sich ihre Fallschirme fröhlich im Wind aufbauschen.

Überraschend ist dieser Abschluss der Aktion, aber zugleich auch logisch. Oder eben konsequent unlogisch. Denn Anne Tismer erweckt ein Universum aus korallenroten und giftgrünen Strickwürsten, aus Drahtgebilden und Stoffelefanten zum Leben, in dem jegliche Logik mit herrlich kindlichem Witz über Bord geworfen wird. Ihr Spiel setzt eine Energie frei, zu überschäumend, als dass sie im Theatersaal Platz haben könnte. Der Rahmen muss komplett gesprengt werden, damit sich die Phantasie im Kampf gegen den eisigen Atem, den ihr die Rationalität ins Gesicht bläst, endgültig als triumphierende Gewinnerin beweisen kann – zumindest für diesen Abend.

Heinrich Hoffmanns Robert, der eines Tages vom Sturm ergriffen, davongetragen und nie wieder gesehen wird, verwandelt sich bei Anne Tismer zur Roberta – die in der Aktion aber gar nicht auftaucht, sondern verzweifelt gesucht wird. „Ich habe mein Leben der Suche nach Roberta gewidmet!“, erzählt Tismer zu Beginn der Aufführung und erklärt die Bühne zur Raumstation, von der aus Robertas Flugbahn rekonstruiert werden soll. Tismer verstrickt sich – im wahrsten Sinne des Wortes – in ein atemberaubendes Spiel mit den bunten Requisiten aus Stoff, Wolle und Draht, die von der Bühnendecke herabhängen. Sie setzt die abstrakten Skulpturen in Bewegung und haucht ihnen Leben ein. So stößt sie eine Kugel an, die in einem überdimensionalen Strumpf steckt, und prompt verwandelt sich diese in einen Planeten auf seiner Umlaufbahn im Universum, sie setzt sich ein Drahtgebilde auf den Kopf, schon ist es ein Flugzeug, sie schlüpft in ein Strickkostüm und wird zur schwarzweiß gescheckten Kugel, die unter Ächzen und Stöhnen über den Boden rollt, Stofftiere verschlingt und sie dann würgend und rülpsend wieder ausspeit.

Die Requisiten gewinnen so eine doppelte Bedeutung: Sie nehmen auf der Suche nach Roberta eine konkrete Funktion ein, aber zugleich bewahren sie sich ihren abstrakten Charakter als bunt zusammengestrickte, ineinander verschlungene Gedankengebilde. Die Floskel: „Ich habe gerade total den Faden verloren!“, gewinnt in Tismers Aktion eine ganz neue Bedeutung. Tatsächlich wirkt die Performerin in ihrer kindlichen Aufregung wie ein durchgeknallter Professor, dessen neueste Theorien die Weltsicht der Menschen revolutionieren sollen. Ein Professor, der von der beklemmenden Ahnung befallen ist, dass seine Theorien absolut haltlos sind, der gegen die aufkeimende Panik und Verzweiflung anzukämpfen versucht, indem er immer wilder gestikuliert, zu immer ausufernderen Erklärungen ansetzt.

In all dieser verschrobenen Hilflosigkeit zieht Tismer das Publikum in ihren Bann. Sie lässt die Zuschauer die eigene kreative Kraft erkennen, die in ihrem Drang, auszubrechen und sich zu materialisieren, keine Grenzen kennt. Das Publikum lässt dieser Kraft freien Lauf, indem es in schallendes Gelächter ausbricht.

Mit trockenem Witz und genussvoller Leichtigkeit wirft Anne Tismer die berühmte Frage nach dem Sinn des Lebens auf.
Eines ist klar: Roberta wird an diesem Abend nicht aufgespürt, ebenso wenig wie der Sinn des Lebens. Dafür wagen sich die Zuschauer selber vor die Tür und lassen sich von einem Sturm davontragen, der die Grenzen ihrer Alltagswahrnehmung ungestüm durcheinander wirbelt.

3 Kommentare

  1. Strickfan · 19. November 2011

    und es wird aufgezeigt, was man mit einer strickmuehle alles so machen kann… sehr inspirierend…

  2. Anonymous · 19. November 2011

    Du beschreibst die Stimmung sehr gut! Ein gelungener Abend!

  3. Anonymous · 20. November 2011

    Umweltbewusstsein verstärken, klappt das?