Fahrscheinkontrolle

Fahrscheinkontrolle

Gerade läuft „Just fake it“ bei NO LIMITS. Darin geht es um die Frage nach dem alltäglichen Als-ob. Manchmal muss man dazu nicht mal ins Theater gehen. Eine Anekdote.

Berlin, 6.11.2013 19:47

S 41

– Kann ich ans Fenster sitzen?

Blick durch die S-Bahn. Kein Gedränge. Ausreichend freie Sitzplätze.

– Warum?

– Ich bin schwerstbehindert.

– Aha …

Ich stehe auf und lasse die Schwerstbehinderte reinrücken.

– … aber nur weil du am Fenster sitzen willst, hat das noch nichts mit Behinderung zu tun.

Sie lacht.

– Der war gut. Habe ich noch nie gehört. Ich kann Ihnen meinen Ausweis zeigen?

Ich winke ab.

Nach einer Weile: Fahrscheinkontrolle.

Rausziehen und Hochhalten: zerknitterter Studentenausweis.

– Danke.

Die Schwerstbehinderte zieht langsam Geldbörse aus dem Rucksack, wendet sie mehrmals auf der Suche nach der Schlitzseite. Da ist sie, die offene Seite, nein, andersrum, genau so. Öffnet sie. Was sucht sie denn da drin? Sie blättert in der Geldbörse in wertlosem Papier vor und zurück, bis sie das offensichtlichste, einen grünen Ausweis, unsicher an den Fingerspitzen herauszieht. Sie begutachtet den Ausweis, als wäre er das erste Mal da. Nach jedem Vergessen wieder zum ersten Mal da. Sie dreht den Ausweis längere Zeit, während sie genau beobachtet, was ihre Finger machen. Der Kontrolleur wartet. Geduldig. Danke, sagt er schließlich und verschwindet.

Die Schwerstbehinderte klappt lässig gekonnt die Innenlasche ihrer Geldbörse zurück und zeigt mir darunter das BVG-Ticket. Kichert.

– Du hast den verarscht?

– Ja, mache ich immer so.

Lacht. Steckt ihre Ausweise weg.

Wir blicken aus dem Fenster.