Festivaleindrücke

Festivaleindrücke

Zusammengetragen von Gesche Beyer, Paula Birnbaum, Julia Dettke, Janina Henkes und Georg Kasch

 

RambaZamba-Lounge
Beim Eintreten in die RambaZamba Lounge riecht es meist nach Essen, es ist voll und laut. Zu Beginn dachte ich: „Wie soll ich denn hier konzentriert schreiben?“ Jetzt weiß ich: Der Geist des Festivals lebt hier und an Schreiben bei Lautstärke gewöhnt man sich. Das Theater RambaZamba war Hauptgastpielort, Festivaltreffpunkt und für die letzten zehn Tage auch unser Wohnzimmer. Hier kommen die Künstler an, die fleißigen Mitarbeiter werkeln vor sich hin, die Zuschauer holen ihre Karten, ab und an spielt einer auf dem Klavier in der Ecke, ein Schauspieler singt laut irgendwas, Mittagessen an großen Bierbänken, ab und an wurde gestritten, viel gelacht, Sprachen aller Welt plaudern über die Inszenierungen – ein kunterbuntes Treiben und wir waren mittendrin! P.B.

Notizblock
Bei zuckend blauem Licht notiere ich das zuckend blaue Licht, in der Dunkelheit notiere ich die Dunkelheit. In meinem Notizblock halte ich alle Eindrücke fest. Nur als die Truppe des HORA-Theaters das Publikum zum Tanzen auffordert, muss ich den Block beiseite legen. Dennoch bleibt der Abend im Gedächtnis – auch ohne Notiz. G.B.

Schadenfreude
Die Worte „Gestern hast du wirklich was verpasst!“ Bei einem Festival wie diesem kann man nicht alles sehen. Schnell bekommt man da das Gefühl, immer in der falschen Inszenierung zu sitzen. Weil es am nächsten Morgen garantiert die anderen sind, die sich nicht einkriegen vor Begeisterung, während man selbst in so einer Naja-Stimmung steckt. Bis es einen dann selbst erwischt, dieses Gefühl des „Genau so muss es sein“. Und man am Tag drauf triumphierend mit der Neuigkeit rausrücken kann: „Also gestern, wirklich, da hättet Ihr dabei sein müssen…“ G.K.

Ameisenhügel
Die Ameise ist das kleine Wesen, das rund das Hundertfache seines eigenen Körpergewichts transportieren kann. Aber den Ameisenhügel erbaut es nicht alleine. Die Ameise verbündet sich mit ihren Geschwistern und sie errichten einen gemeinsamen Lebensraum, den ich als Kind stets begeistert inspiziert habe. Auch auf dem Festival arbeiten Ameisen: Menschen, die keine Mühe scheuen und ohne murren ackern, wenn sie Eintrittskarten herausgeben, uns bewirten, Künstler betreuen. J.H.

Robert(a)
Die lebendigen Charaktere aus Heinrich Hoffmanns berühmtem Kinderbuch wurden auf dem Festival nicht für ihren Wagemut und ihre Verwegenheit bestraft, sondern gefeiert. Mein persönlicher Held: Der fliegende Robert, der bei den Tiger Lillies die Sehnsucht nach dem Unbekannten verkörpert und bei Anne Tismer selbst die größten Couchpotatoes unter uns auf die Bühne und vor die Tür lockt. G.B.

Wolle
Anne Tismer besitzt eine Strickmaschine, mit der macht sie lustige Sachen. Strickwürste zum Beispiel. Bislang wusste ich nie genau, wozu die gut sein sollten. Nach Tismers „Roberta“-Episode beim „Prinzip Struwwelpeter“ küre ich sie zur besten Ausstattung! Allein dieses Schnecken-Teil, dass Tismer auf dem Kopf trug! Diese roten Michelin-Mann-Hosen, die immer rutschten. Dieses herrliche schwarzweiße Noppenteil, in dem sie wie ein Einzeller über die Bühne robbte, rollte, kroch. G.K.

Tanzen
Mit dem Mitmachen im Theater ist das so eine Sache, vor allem, wenn die Aufforderung dazu überraschend kommt. Beim „Struwwelpeter“-Beitrag des Theater HORA endete sie erstaunlich beglückend. Eben noch führten die Spieler ausgelassen anarchisch vor, dass die schrägen Kids aus dem Struwwelpeter-Buch ziemlich coole Rocker mit Selbstironie sind, die ihre schwarzen Male auf der Stirn mit Stolz tragen. Plötzlich tanzen sie durch die Reihen, fordern uns zum Mitmachen auf. Schon stehen die ersten, bewegen sich, erst schamvoll, dann immer ausgelassener. Jeder freie Stuhl verschwindet sofort am Rand, und dieser ausgelassenen Energie, mit der man bezirzt wird, kann man sich nicht entziehen. Scham vorm Hüftschwung? Ist vollkommen fehl am Platz, wo jeder rockt, wie ihm die Beine gewachsen sind. I can’t dance? Wurscht! Es lebe die gemeinsame Party-Anarchie! G.K.

Geschichtsbuchpathos
Alle sagen: bloß kein Mitleid! Das glaubt man ihnen, und ihr Theater bestätigt, dass sie das auch wirklich nicht nötig haben. Überraschend ärgerliche Ausnahme zur Festivalmitte: das einfallslos anklagende Dokumentartheater „Spuren der Seele“, bei dem die Schauspieler tatsächlich als bloße Ready Mades auf der Bühne verwendet und auf die Opferrollen reduziert wurden. Die Verbrechen der Nazis anklagen und warnen, wenn Teile ihrer Ideologie wieder salonfähig zu werden drohen? Ja, unbedingt – aber bitte mit den Mitteln des Theaters, nicht des theatralisch deklamierten Geschichtsbuches! J.D.

Publikumsbier
Ich drücke meine Zigarette aus. Das Publikum strömt aus dem Ballhaus Ost. Heute mache ich die Publikumsgespräche. Ach, es ist meine Lieblingsbeschäftigung auf dem Festival: Die Besucher sind offen und redselig, diskussionsfreudig, witzig und teilweise auch unverschämt, aber immer spannend. Von „Sie schreiben hierüber? Seien Sie streng!“ über „Das war ein großer Haufen Scheiße, aber schreiben Sie das nicht!“ und „Sind Sie die Bloggerin? Sie machen das toll!“ bis „Ach ihr seid die Blogger? Müsst ihr immer an allem rummeckern?“ Gelangweilt, euphorisch oder interessiert – ihr wart ein tolles Publikum. P.B.

Clowns
Ob auf dem Herzrummel, im Cirque Ouille oder bei den Tiger Lillies – auf dem Festival feierte der Clown seine große Stunde. Mal unbeholfen stolpernd, mal garstig lachend, kehrte er doch immer diejenigen unserer Eigenschaften heraus, die wir am liebsten ganz tief in uns vergraben würden. So konnten wir einmal unseren eigenen Geheimnissen ins grell geschminkte Angesicht blicken und befreit darüber lachen. G.B.

Offener Raum
Nach einer Vorstellung fragte ich den an ihr beteiligten Pianisten, ob er das „Rondo alla turca“ von Mozart kenne. Er bejahte. Ich bat ihn, es anzuspielen. Er setzte sich ans Klavier und ließ seine Finger auf den Tasten tanzen. Später traf ich die Schauspieltruppe und ihre Musiker in der NO LIMITS-Lounge wieder, der offene Raum für Künstler, Organisatoren und Zuschauer. Hier wurde über Kunstaktionen debattiert, über Inszenierungen gestritten und gemeinsam gefeiert. So wie mit der Schauspieltruppe, die an ihrer Musik alle teilhaben ließ. J.H.

Schlaf
Abends hin zur Aufführung oder zum Konzert, nachts die ersten Eindrücke notieren, morgens eine Kritik schreiben und dann hin zur Kulturbrauerei, um die Texte zu besprechen – Zeit für Schlaf blieb da keine. So irrten wir wie die bleichen Zombies als „Variations Antigone“ über das Festival – und wurden doch durch die verrückten Theaterabende immer wieder ins Leben zurückkatapultiert. G.B.