Gottesgaul und Anarchie

Gottesgaul und Anarchie

Ende des gleißenden Lichts: „Horse: An Opera“ im HAU1

Ein Mann schlägt wild mit einem Kochlöffel auf einen Topf. Aus allen Ecken stürmen die Menschen herbei. Sie stellen sich an und warten drängelnd auf ihre Portion. Wer sein Essen bekommen hat, zischt ab, möglichst weit weg von den Anderen. Der Letzte in der Schlange, ein verwahrloster Mann, stolpert auf dem Weg zurück zu seinem Quartier, verschüttet den Inhalt seiner Schüssel über die Bühne. Sofort stürzen sich die Anderen auf die Nahrung, klauben ihm sogar die Reste aus aus dem Mund.

Eine anarchische Stimmung beherrscht die Performance „Horse: an opera“ der Belgischen Gruppe Tibaldus en andere hoeren. Vergewaltigung, Raub und Mord sind Alltag und keiner großen Beachtung wert. Um dem Nihilismus zu entkommen, verehren die Menschen ein Pferd aus Pappe. Seine Anwesenheit ängstigt und blendet. Vorsichtshalber wird eine Frau geopfert.

Das Publikum sitzt auf der Bühne, die Kulisse bildet der Zuschauerraum. In Schatten dieser Tiefe gibt es keine Gesetze. Es herrscht eine dunkle Ruhe, ein mehrstimmiger Chor bringt eine melancholische Schönheit in diese Szenerie. Der Abend gestaltet sich auf angenehme Weise zähflüssig, langsam und mit Mühe, aber mit einer überraschenden Sanftheit.

Wie schön Zerfall und Zerstörung sein können, zeigt sich, wenn man dem Pappgaul am Ende des Stückes dabei zuschaut, wie er langsam und qualvoll in sich zusammensinkt, um dann in einer elegant anmutigen Pose zusammenzubrechen. Zu Beginn wird ein menschliches Sonnensystem kreiert, bis es implodiert. Passend zum Satz “Then eventually the sun will die, and everything will be gone” endet „Horse“ mit dem Tod des gleißenden Lichts: dem Tod der Pferdegottheit.

1 Kommentar

  1. Durch die Nacht mit... - NO LIMITS · 13. November 2015

    […] Tibaldus en andere hoeren im Gepäck. Das belgische Kollektiv, das schon mit ihrer Inszenierung „Horse. An opera“ beim Festival aufgetreten war, präsentiert nun eine Soloperformance des Mitglieds Luc Loots. […]