Hauptsache nackt

Hauptsache nackt

kraut produktion und Theater HORA performen „Human Resources“

An diesem Leben ist alles großartig: Nele berichtet an der Rampe von ihrer tollen Schauspielkarriere, von ihrem tollen Mann und seinem tollen Penis, der ihr tolle Orgasmen beschert. Alles an ihrem Leben ist großartig, sie will bewundert und beneidet werden. Sie stolziert zwischen den Anderen auf der Bühne umher und fragt sie, was sie denn so Schönes geleistet hätten, nur um sie dann in ihrer Antwort zu unterbrechen: „Tja leider bist du nicht das Kamerakind, ich bin das Kamerakind.“

Die Anderen, dass sind die Performer von und kraut_produktion und Theater HORA. Mit ihrem Titel „Human Resources“ versprechen sie, sich mit dem Wert des Menschen zu beschäftigen, mit Wirtschaft und Arbeitsbedingungen. Gerade letztere scheinen ein Thema zu sein, das die Produktion sehr beeinflusst hat. Denn die Schauspieler des Zürcher Theater HORA verdienen für die gleiche darstellerische Arbeit viel weniger Geld als die Krauts (eine Realität, die so auch auf Deutschland zutrifft). Deshalb werden zu Beginn der Aufführung alte Requisiten versteigert, wenig dekorative Pappklumpen, um Geld für die HORAs zu sammeln. Für Nikolai, der einen Ring aus den Harry-Potter-Filmen möchte, für Gianni, der nach Amerika will. Beim zweiten ausgerufenen Objekt erbarmt sich ein Student und erwirbt die neue WG-Deko für 30 Euro. Während des Stückes macht ein Sparschwein die Runde, um weiteres Geld zu sammeln.

Nun folgt eine wilde Aneinanderreihung unzusammenhängender Szenen und Musikeinlagen. Die Stimmung gipfelt später im – für HORA-Produktionen anscheinend zwangsläufigen – Beatrice Egli-Song. Das Publikum soll aufstehen und mit klatschen, das Theater verwandelt sich in ein Ballermann-Bierzelt. Die Zuschauer sind sich uneinig: Während viele euphorisch und munter schunkeln, sitzen andere mit verschränkten Armen auf den Stühlen und verweigern sich dieser Farce.

Thomas breitet eine Plane auf dem Boden aus. In einem Eimer zermatscht er etwas mit einer Bierflasche. Dabei erzählt er von der Performancekunst, die er und sein Kumpel früher gemacht haben. Mit Freude am Ekel beschreibt er Blutschüttungen und Puppen, aus denen Tiergedärme von der Decke hängen. „Damals ging‘s noch um Gefühle, da haben die Leute gekotzt“. Nach diesen ausführlichen Beschreibungen lässt er sich einen Regenponcho bringen. Man erwartet das Schlimmste…und bekommt eine vegane Schüttung! Das Publikum tobt. Regelrechte Lachkrämpfe wandern durch die Menge, als sich Thomas das Soja-Gemüse-Gemisch über den Kopf schüttet – das absolute Highlight des Abends, gespielt vom grandiosen Thomas U. Hostettler. Ob verbitterter Ex-Performancekünstler, ob Untenrum-Nackedei-Glitzerplateaustiefel-Drag-Diva – der Mann ist ein Erlebnis.

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Komischer Höhepunkt: Thomas U. Hostettlers vegane Schüttung

Nils, auch er ein Publikumsliebling aus der Kraut-Truppe, stellt sich vorne hin und druckst eine Liebeserklärung an Janina, die alte Freundin aus der Schweiz, die inzwischen seit vier Jahren in Berlin lebt und einen Freund hat. Das sei jetzt doof, aber „du bist auch einfach so scheiße…heiß.“ So deplatziert wie dieses Geständnis sind viele Szenen. Es fehlt eine große Portion roter Faden.

„Wir sind alle eins und deswegen ziehen wir uns jetzt aus!“ Während die nackte Nele über die Bühne springt und in ihr Megaphon grölt, setzen sich die HORAs an die Instrumente und klimpern drauf los. Ein Pärchen liegt am Strand, während im Hintergrund exzessive Trockenschwimmübungen betrieben werden. Auf der Leinwand läuft eine Wahlkampagne auf krassem Schweizerdeutsch, die alte Fernsehsendung „Herzblatt“ wird nachimprovisiert. Der Abend ist eine einzige Reihung unzusammenhängender Einzelsequenzen, unbegründeter Nacktheit, unausgegorener Musikeinlagen. Die Zeit fließt sehr langsam.

Thomas vermisst die alten Zeiten seiner gewagten, provokanten Kunst und äußert Unmut über das Theater heute. „ Lieber langweilig als irgendwie ‚zack‘, genau wie der heutige Abend.“ Und bringt es damit auf den Punkt: „Human Resources“ plätschert vor sich hin, an uns vorbei und vergisst, uns die Füße zu umspülen. Selbst ein Thema mit so viel Potenzial kann einen, wenn so stark abstrahiert wie hier, vollkommen unberührt lassen. „Human Resources“ tut sein Bestes, Erwartungshaltungen zu unterlaufen, um erst zum Ende hin endlich gut zu werden. Mit dem Wert des Menschen hat dieses diffuse Theatermosaik allerdings nicht viel zu tun.