„Ich wollte schon immer Schauspielerin werden“

„Ich wollte schon immer Schauspielerin werden“

Ein Gespräch mit Melanie Socher vom Blaumeier-Atelier    

In „Orpheus & Eurydike“ vom Blaumier-Atelier spielt sie Hermes den Götterboten, durch dessen Hilfe Orpheus in die Unterwelt gelangt. Jetzt sitzt Melanie Socher in der NO-LIMITS-Festivallounge neben mir. Sofort war ich begeistert von der Figur, die Socher mit sprudelndem Witz als schelmischen, an Peter Pan erinnernden Fädenzieher auf die Bühne brachte. Sie kommt direkt von der Aufführung und ich habe das Gefühl, dass Hermes auch hier, in der Alltagsrealität, immer noch in ihr herumzuckt und sich weigert, Ruhe zu geben. Aber vielleicht sind die beiden auch gar nicht so einfach voneinander zu unterscheiden. Sochers lockige Haare stehen in alle Richtungen ab. Sie lächelt einladend und gestikuliert viel. Dabei wirkt sie sehr energiegeladen. Ihre gute Laune steckt mich an.

Sich nicht verstellen müssen

Seit zehn Jahren arbeitet Socher im Blaumeier-Atelier. 1986 wurde es von jungen Absolventen der Universität Oldenburg und ehemaligen Patienten der Bremer Langzeitpsychiatrie Klinik Kloster Blankenburg gegründet. Bis zu 70 Menschen treffen sich hier einmal wöchentlich, um Masken zu bauen, Musik zu machen, zu malen und zu schauspielern.

„Schon immer wollte ich Schauspielerin werden!“, erzählt Socher. Ihre erste Rolle hatte sie als Carmen in einer Bühnenadaption von George Bizets gleichnamiger berühmter Oper. Jetzt, in „Orpheus und Eurydike“, geht es darum, „so zu sein, wie man sein will und sich nicht verstellen zu müssen!“, sagt Socher und unterstreicht ihrer Worte mit dem Zeigefinger.

Hermes und Persephone?

Die Funktion von Hermes sei es vor allem, das Geschehen zu beschatten und es voranzutreiben. „Dabei muss er stark aufpassen, dass er nicht von Zeus‘ erwischt wird. Denn er widersetzt sich ja dessen Verbot, indem er eine sterbliche Seele in die Unterwelt einschleust… Zum Glück ist er aber sehr gewitzt und findet überall Schlupflöcher.“ Ein romantischer Typ, findet Socher: „Es gehen viele Gerüchte darüber um, was er für Geliebte hatte…“ Verschwörerisch flüstert sie mir ins Ohr: „Er soll ja sogar was mit Persephone gehabt haben…“ Ob sie Hermes das zutrauen würde? „Warum nicht?“

Ihre Lieblingsfigur in „Orpheus & Eurydike“ ist hingegen Persephone, Hades‘ Gattin. „Wenn die sich auf der Bühne aufregt, pack ich mich jedes Mal weg vor lachen!“, erzählt sie. Dann ahmt sie Persephone derart gut nach, dass ich die Figur wieder deutlich vor mir sehe: „Ständig dieses Geticke! Das geht mir so auf die Nerven!“

Den Mythos neu denken

„Aber finden Sie nicht, dass die Figur auch etwas Tragisches hat?“, frage ich. „Na klar! So eingeschlossen im Dunkeln, und dann wird sie von Hades nicht einmal wahrgenommen.“ Ansonsten mag sie alle Charaktere, selbst Hades: „Na, das ist doch mein Götterkollege“, sagt sie in ihrem sympathisch norddeutschen Akzent. „Auch über den kann ich nicht schlecht reden.“

Nach meinem Gespräch mit Socher denke ich ernsthaft darüber nach, ob man den Mythos nicht umdichten sollte. Wenn es Orpheus schon nicht gelingt, Eurypide aus der Unterwelt zu befreien, sollten dann nicht wenigstens Hermes und Persephone zusammen abhauen? Wenn Hermes im Alltag auch so sympathisch und offenherzig ist wie Melanie Socher, dann würde es auf jedenfall nicht langweilig mit ihm werden!