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Saša Asentić und die serbische Truppe Per.Art zeigen „Prazan Glas“

Schon während des Einlasses sitzt ein Darsteller auf der Bühne. Als alle im ausverkauften Thikwa-Theater ihre Plätze gefunden haben, erhebt er sich vom Stuhl und schreitet mit dem Mikrophon in der Hand in die Mitte der Bühne. Sobald er den blauen Lichtkreis erreicht hat, stellt er sich vor: „Mein Name ist Dejan Šulian. Musik, bitte.“ Aus dem Off ertönt eine serbische Ballade, zu der er herzhaft singt. So herzhaft, dass er manchmal bei einer Strophe hängenbleibt, während im Hintergrund das Lied unbeeindruckt weiterzieht.

Gemeinsames Nachdenken

In „Prazan Glas“ (The Empty Voice) von Saša Asentić und der serbischen Truppe Per.Art erzählt jede_r seine Geschichte. Ähnlich wie bei Jérome Bels Disabled Theater stellen sich die Darsteller_innen regungslos vors Publikum und nennen ihren Namen. Anders als bei Bel folgt nun aber nicht die jeweilige Behinderung, sondern  die Erinnerung an die eigene Kindheit. An diesem Abend stellen sich nur sechs der zwölf Mitwirkenden dem Publikum vor – per Gesangseinlage, Interview und Dia-Show.

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Was als Konzept charmant klingt, fügt sich nicht zu einem strukturierten, spannenden Abend. Es entsteht der Eindruck von Beliebigkeit. Spannungsaufbau scheint ohnehin nicht das Ziel des Abends zu sein. Eher das gemeinsamen Sinnieren über vergangene, mehr oder weniger glückliche (Kinder-)Zeiten.

Die Magie der Erinnerung

Dabei stellt sich heraus, dass sich die Kindheit der Darsteller wenig von der der Zuschauer abhebt. Dies wird insbesondere während der Dia-Show deutlich. Drei Projektoren blenden nacheinander – später gleichzeitig – Kindheits-Fotos der Künstler_innen ein. Aus dem Off kommentieren die jeweils Abgebildeten das Foto. Per.Art nimmt so das Publikum an die Hand und lässt so eine Magie aufleben, die Erinnerungen an die Kindheit eben so hinterlassen. Im Raum verbreitet sich angenehme Fotoalbum-Nostalgie.

Ein boshaft grinsendes Kind, das eine schwere Bohrmaschine in die Kamera hält:  „Als ich ein Kind war, bewahrte ich eine Bohrmaschine in meinem Zimmer auf.“ Drei herumalbernde Kinder auf einem Sofa – zwei Mädchen und ein Junge. Einem der Mädchen fallen schräge, nicht zu bändigende Fransen in die Stirn: „Ich habe mir die Haare geschnitten. Selbst der Friseur konnte da nichts mehr retten.“ Auch ich habe mir im Kindesalter die Haare so geschickt geschnitten, sodass selbst die anschließenden – beinahe wöchentlichen – Friseurbesuche den Schaden nicht mehr zu beheben vermochten. Die Parallelen sind offensichtlich. Nein, ihre Kindheit unterscheidet sich wenig von der unseren.

Eine glückliche Kindheit – trotz allem

Snežana Bulatović hat keine Fotos mehr, sie sind vernichtet worden. Stattdessen liest sie uns ihre Geschichte vor, erzählt von Flucht und Krieg, schließt aber mit der Aussage: „Ich hatte eine glückliche Kindheit“ – trotz allem. Es ist der Krieg, der ihre Kinderjahre von den unsrigen distanziert. Folglich ist der Unterschied weniger chromosomen- als geografisch und historisch bedingt. Eine schöne Einsicht. Noch schöner allerdings wäre es gewesen, hätten Saša Asentić und sein Team das in einer künstlerisch eigenständigen Sprache erzählt. So bleibt der Eindruck, etwas voyeurhaft einem ziemlich privaten Erinnerungsstuhlkreis beigewohnt zu haben.