Im Kreise der Mutigen

Im Kreise der Mutigen

Beim inklusiven Theaterworkshop mit Catherine Bourgeois

“Ihr heißt doch nicht alle Geneviève, oder?”, fragt Catherine Bourgeois, künstlerische Leiterin der kanadischen Compagnie Joe, Jack & John, die ebenfalls bei NO LIMITS auftritt. Sie leitet den dreistündigen, inklusiven Workshop, der auf ihrer Produktion „Just fake it“ basiert. Statt sich der Runde mit Namen vorzustellen, soll sich jede_r in einer kurzen Improvisation präsentieren. Doch nachdem die erste, Geneviève Morin-Dupont von Joe, Jack & John, eine verträumt-zarte Ballett-Performance hingelegt hat, scheint sich niemand der Darauffolgenden vom Luftig-Tänzerischen Genevièves entfernen zu wollen. Alle greifen ihr Thema auf und spinnen es weiter – bis Bourgeois die Variationen des Immergleichen mit ihrer Frage stoppt. Sehen sich alle irgendwie als Ballerina? Oder kopieren sie nur das, was gut funktioniert? Eine sehr unmutige Geschichte wäre das.

Barrierelose Zusammenarbeit

‘Mutig’ ist so oder so nicht das Wort, dass unser Verhalten im inklusiven Workshop im Theater RambaZamba treffend beschreiben würde. Wir – das Festival-Blog-Team – sind zunächst Außenstehende, die sich nicht gerade mit Mut-Ruhm bekleckern. Denn nachdem die erste Aufgabe formuliert wurde, trauen sich zunächst nur die RambaZamba-Schauspieler, die Bühne einzunehmen. Während wir scheu auf unseren Plätzen verweilen und innerlich nach umsetzbaren Ideen suchen, füllen die RambaZambas ihre Spielfläche hemmungslos mit ihrer Präsenz aus. Zagheit hat einen Platz im Theater, sie muss überwunden werden – nicht nur um Integration zu fördern.

Geneviève

Geneviève Morin-Dupont von Joe, Jack & John in „Just fake it“ © Michael Bause

Während des gesamten Workshops werde ich den Eindruck nicht los, dass es nicht ich bin, die hier die Impulse setzt. Ich fördere Integration auch nicht, sondern erlebe sie. Ohne Fragen zu stellen, werden die Neu- und Spätankömmlinge (unter anderem ich) in den Sitzkreis aufgenommen und mit Handschlag oder Umarmung willkommen geheißen. Im Workshop erleben wir unverfälschte Integration und barrierelose Zusammenarbeit. Behinderte spielen mit Nichtbehinderten, Französisch-  mit Deutschsprachigen – und das alles, ohne dass es flach oder unmöglich erscheint.

„So tun als ob“

Jeder hat sich und seinem Umfeld schon mal was vorgemacht, etwas „gefaked“. Dieses „so tun als ob“, wie es Festival-Dramaturg Marcel Bugiel vom Französischen ins Deutsche übersetzt, soll nun in einem zweiten Teil szenisch dargestellt werden. Kleine, inklusive Dreiergruppen überlegen sich, wann und wie sie bereits etwas vorgetäuscht haben. Diese Auseinandersetzung gipfelt bei einer Gruppe zu einer Art Persönlichkeitsspaltung: Person A spricht mit B, während C hinter A’s Rücken A’s wahren Emotionen geräuschlos repräsentiert. Somit hält A eine Fassade aufrecht, während hinter ihm die Wut faucht. Bourgeois greift diese Idee auf und entwickelt sie weiter. Aus solchen Improvisation entstehen auch ihre Stücke.

Immer ein Schritt voraus

Die Schauspieler_innen sind uns in Sachen Extrovertiertheit immer einen Schritt voraus. Aufholen scheint eine Unmöglichkeit. Als das Thema Wut auf dem Plan steht, brüllen die RambaZamba-Schauspieler zügellos laut, ohne Rücksicht auf die strapazierten Stimmbänder. Es ist, als wäre man Teil des Wettbewerbs: Wer kann lauter schreien und besser fluchen? Jeder will gegen jeden antreten und sich durchsetzen. Nur wir halten uns zurück. Warum eigentlich? Unsere anfängliche Zurückhaltung haben wird doch bereits weggespielt. Oder? Nein, wir heißen nicht Geneviève.

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