Im Sinn-Dschungel

Im Sinn-Dschungel

Mit „Schlafen kann ich wenn ich tot bin“ setzt das Zürcher Theater Hora zusammen mit den berliner Helmis ihr Manifest „Freie Republik Hora“ um

Nach dem achtstündigen Symposium „Wen kümmerts, wer spricht? 2“ taumeln wir überladen mit Fragen in die Nacht hinaus: Wie können sich Menschen mit Behinderung aus ihrer künstlerischen Bevormundung lösen und eine eigene Handschrift entwickeln? Woher kriegen sie Input, eine Ausbildung, wie findet man eine gemeinsame Sprache, die eine Alternative zu therapeutischer Wohlfühlbadewanne und kratzbürstigen Theaterdiskurs bietet?

NO LIMITS - Internationales Theaterfestival 2015, Berlin

Gianni Blumer und Solene Garnier als Freundinnen in „Hungergames“ © Holger Rudolph

Schön, wenn jetzt, nach diesem viersprachigen multigedolmetschen Diskussiondampftopf erstmal keiner mehr spricht. Sondern macht. „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“ ist der Titel des dreiteiligen Abends, den die Helmis gemeinsam mit den Horas in wenigen Tagen erarbeiteten. Weil die Horas in ihrem Manifest „Freie Republik Hora“ Selbstbestimmung und Regie-Autonomie fordern, sollte der Fokus genau drauf liegen.

Der Rahmen wird aber gleich mal hübsch zur Seite gestellt, die Helmis sind ja auch gar keine Regisseure gewohnt, sondern feiern seit Jahren die Kollektivität und den Zauber der Improvisation. Angekündigt sind Adaptionen von „American Beauty“, „Hungergames“ und „Titanic“, drei Séancen, die von zwei einstündigen Pause unterteilt werden. Wird man am Ende klar unterscheiden können zwischen der Handschrift der Helmis und den Ideen der HORAs? Was passiert in dem Moment, in dem sich HORA und Helmi auf Augenhöhe bzw. im Kunst und Performancekontext gleichberechtigt begegnen und was verändert sich, wenn Gianni Blumer von HORA die Regie übernimmt?

NO LIMITS - Internationales Theaterfestival 2015, Berlin

Triumph! Gianni Blumer mit HORA- und Thikwa-Schauspielern in „Hungergames“ © Holger Rudolph

Die Inszenierungen hangeln sich locker improlustig an den wichtigen Plotpoints entlang, um sich gelegentlich in einen wundersamen Pfauentanz oder eine spontane Gesangseinlage von Julia Häusermann zu verwandeln. „Titanic“ wurde spontan gestrichen. Bei „Hungergames“ hat vor allem einer das Sagen: Gianni Blumer. Mit klaren Anweisungen jagt er seine Spieler durch die ausgewählten Szenen seiner Collage frei nach Motiven der sechstündigen Filmreihe und inszeniert sich dabei auch noch selbst als Hauptrolle.

Das Ganze hat eher den Charakter einer offenen Probe als den einer konzeptionell abgeschlossenen Inszenierung. Der für Helmi Performances typische Making-Of-Charakter zieht sich durch den gesamten Abend. In den beiden Pausen zwischen den Séancen dröhnt im belebten Foyer Housemusik von David Guetta und Rap von Jay Z durch die Boxen, während im menschenleeren Studio die vierte Staffel „Game of thrones“ läuft. Im Foyer flackert unterdessen der Rauschklassiker „Requiem for a dream“ stumm über die Wand. Es gibt auch Essen für alle, so als eine Art Begegnungsmoment aller Anwesenden, sagt einer der Helmis. Ach so.

Das Gesamtpaket mit den bespielten Pausen wirkt gut gemeint, aber zu überladen und schlecht kommuniziert. Wir sind außen vor, finden uns in diesem Dschungel nicht zurecht und kapitulieren vor den vielen Ideen, die fragmentarisch aneinander gereiht wurden. Wenn alle auf einmal zu Wort kommen, kann Zuhören schwierig werden

Vielleicht liegt hier aber auch das Problem: Wir wollen alles genau verstehen, richtig deuten und in Kontexte einordnen, während Helmis und Horas sich wunderbar zurechtfinden in ihrem eigenen improvisierten und skizzierten Dschungel. Da treffen zwei Arbeits- und Denkweisen aufeinander, die sich gut ergänzen.

Bonustrack

Kurzes Interview mit Gianni Blumer. Wir fragten: Seit wann bist du Schauspieler? Wie war die Arbeit mit den Helmis? Wie wichtig ist Feedback vom Publikum? Zukunftspläne als Regisseur?

 

1 Kommentar

  1. Theater HORA – Stiftung Züriwerk · 15. November 2015

    […] Inszenierungen kamen, die Schauspieler also bestimmt nie vor Mitternacht im Bett waren. Oder diese dreiteilige Geschichte mit den Helmis – das ging fünf Stunden! Klar, mit Pausen, aber dennoch: Dafür war ihre Konzentration ziemlich […]