Niemand weiß

Niemand weiß

„Borderlines“ von Panaibra Gabriel Canda: Ein Tanzstück aus Mosambik im Hau 3 

Tiergeräusche und Streichquartett. Vier Menschen balancieren über vier Steine. Vorsichtig wächst die kleine Brücke durch den Raum. Von einer Wand zur anderen, im blauen Licht, setzt sie sich nur langsam fort, weil immer der Letzte über alle anderen an die Spitze steigt. Ein mühsamer, schmerzhafter Prozess. An der Wand wächst ihr Schatten wie ein Baum auf weiter Ebene. Die Brücke aber fusst nicht auf sicherem Grund.

„Borderlines“, das erste Tanzstück des diesjährigen No Limits-Festivals, ist der dritte Teil der Trilogie „(In)Dependência“. Die Choreografie stammt von Panaibra Gabriel Canda, die Tänzer_innen (Amelia Socovinho, Antonio Bila, Domingos Bie, Maria Tembe und Sonia Mulapha) sind Mitglieder seines Trainingsprogramms. Die Gründung der Tanzorganisation „CulturArte“ machte Canda zum bekanntesten Choreographen der Hauptstadt Maputo und vielleicht wichtigsten von ganz Mosambik.

Tänzer als Territorien

Abhängigkeiten und Unabhängigkeiten waren Thema der gesamten Trilogie. Im dritten Teil geht es nun um Freiheit und Abhängigkeit in Gesellschaften. Canda begreift seine Tänzer aber nicht als Individuen, sondern als Territorien. 500 Jahre Kolonialismus und Korruption haben sich unter die Haut gefressen. Zerrissenheiten spiegelt er in Leib und Tanz. Ausdrucksstark flicht er Konzepte der territorialen Unversehrtheit, Unabhängigkeit und Besatzung in die Beziehungen zwischen den Körpern. Ein symbolträchtiges Geflecht indes. Und entsprechend schwer zu durchdringen.

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Ein Land und seine Kinder

Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Mann in traditionellem, weissen Gewand. Eine Messiasgestalt, wohl Sinnbild für das Land Mosambik. Hinzu kommen drei behelmte Arbeiter und eine Frau im roten Kleid. Die Kinder des Landes, die Nation. Manchmal allein, manchmal gemeinsam nähern sie sich ihrem Land, dem Mann in Weiss.

Sie umarmen ihn. Der Mann windet sich, wirft sie brüsk zu Boden. Immer wieder, er stöhnt weinerlich. Dann ein erster Ausbruch. Mit einem Stein schlägt er schreiend nach der Frau, die vor ihm auf dem Boden liegt. Ein Arbeiter tritt vorsichtig heran, will den Mann küssen. Wieder weicht er aus. Die anderen schließen sich dem Kampf um den Kuss an. Wie ein amöbischer Vielbeiner irren sie  durch den Raum, ein tragisch-schöner Kampf.

Eben noch leichtes Klavierklimpern, nun ein tiefdröhnender Bass. Der weiße Mann steht in einem Lichtkegel, die anderen spucken ihn an. Eine endlose, beklemmende Szene. Er lässt alles über sich ergehen. Wer ist dieser Mensch? Der sich nicht umarmen, nicht küssen, aber anspucken lässt? Sie spucken und spucken. Eine Katharsis. Er steht reglos still im Licht. Dann sein Ruf: „Nobody knows the trouble I have seen“  (Niemand kennt das Leid, das ich gesehen habe). Das Spiritual, eine Klage über die Leiden der Sklaverei, bleibt ein Ruf ohne Widerhall. Die Kinder erheben ihre Steine. Doch niemand wirft den ersten.  Stattdessen wird sein Kopf mit einem Kranz geschmückt, der ebenso Gloriole sein kann wie Dornenkrone. Der Mann weint. Ein Körper ist Geschichte.

Die Reise geht weiter

Seit der Unabhängigkeit von Portugal 1975 hat Mosambik fortwährend Verwerfungen erlebt. Politische, geografische, soziale, emotionale. Der 16-jährige Bürgerkrieg führte zum wirtschaftlichen Zusammenbruch. 1992 dann das Friedensabkommen, Demokratisierung, UN-Friedenstruppen sichern das Land. Auswanderung, Abhängigkeiten, Dürre und Bürgerkrieg verhinderten aber die Entwicklung des Landes. Vor ein paar Tagen die jüngste Meldung von Kämpfen zwischen den ehemaligen Bürgerkriegsparteien und der Furcht vor einer Aufkündigung des Friedens. Die Reise des Landes Mozambique geht weiter: „Nobody knows the trouble I have seen. If you go there before I do please tell all my friends I’m coming too!“