Königlicher Hauptgewinn

Königlicher Hauptgewinn

Die Leckerbissen der Reines Prochaines im Ballhaus Ost versagen im internationalen Vergleich – und erweisen sich doch als Genuss 

Totenstill ist es im Saal, als die erhabenen Klänge des berühmten Kanons in D-Dur von Pachelbel ertönen. Allerdings nur für eine Sekunde. Dann stimmen die schrill-bunten Königinnen auf der Bühne mit Akkordeon, Klarinette und Trompete mit ein und rütteln ihn einmal ordentlich durch. Les Reines Prochaines, eine Frauengruppe aus der Schweiz, präsentieren im Ballhaus Ost ihr neues Programm „Leckerbissen“. Und lassen das Konzert mit einem Lied ausklingen, das die Zuschauer im vollen Saal förmlich von den Stühlen reißt: „Wenn ich einmal bei einem Preisausschreiben gewinnen würde…“ Die Sängerin träumt davon, was sie für grenzenlose Möglichkeiten hätte, würde sie einmal einen Staubsauger, einen Haartrockner oder ein Futtersilo gewinnen. Das ist ausgelassene, ungezwungene Kritik an einer Konsumgesellschaft, in der sich die Menschen von unnötigen Haushaltsgeräten und Schönheitsprodukten abhängig machen (wobei sich ein Staubsauger schon manchmal als recht nützlich erweisen kann).
Die Reines Prochaines jedenfalls bereiten dem Publikum ein Festmahl aus folkloristischen Klängen und spritzig-albernen Texten, in denen jegliche Scham vor allzu bemühtem Sprachwitz verschmäht wird. So wirken auch die technischen Probleme mit dem Mischpult, wegen der das Konzert eine Stunde später als geplant begann, eher als Teil der Show. „Wir zeigen euch jetzt eine Pantomime, das wird ja wohl klappen!“, grummelt etwa Muda Mathis, eine der Königinnen, mit einem Augenzwinkern.

In ihrer ungehemmten Spielfreude erinnern die Reines Prochaines an kleine Kinder, die ihren Eltern etwas vorführen. Normalerweise büßt diese Spielfreude ihren ungezwungenen Charakter ein, sobald die Kinder mit dem Maßstab gut/schlecht konfrontiert werden und begreifen, dass ihr Können nicht für sich steht, sondern erst durch den kritischen Vergleich eine Bedeutung gewinnt. Sie lernen, ihr Können nach internationalen Standards zu bemessen. Sie lernen, wettbewerbsfähig zu sein. Das Kostüm ihrer Mutter, das sie nur aus Spaß einmal anprobiert haben, um sich beim Anblick ihres Spiegelbildes ordentlich vor Lachen zu krümmen, sieht irgendwann nicht mehr wie eine Verkleidung aus. Es passt ihnen.

Die Reines Prochaines beweisen mit ihren absolut wettbewerbsunfähigen Kostümspielchen und Tanzeinlagen, dass diese Entwicklung nicht zwangsläufig ist. Scheinbar ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein, halten sie den Zuschauern auf ihrem Kampfzug gegen Virtuosität und eitlen Perfektionismus einen Spiegel vor. Und die krümmen sich vor Lachen.

Von ungehemmter Spiel- und Experimentierfreude zeugte auch das Konzert der Vorband The Choolers, ein Musikprojekt aus Belgien, in dem behinderte und nichtbehinderte Künstler zusammenspielen. Im Gegensatz zu den Reines Prochaines traten The Choolers aber hochprofessionell auf – mit Synthesizer, eigenem Mischpult und einer ausgefeilten Lichtshow. Die drei sich abwechselnden Sänger, die teils rappten, teils im Metal-Stil brüllten und kreischten, rissen das Publikum nicht nur förmlich, sondern im wahrsten Sinne des Wortes von den Stühlen.