Kritikwürdig

Kritikwürdig

Ein Manifest

Was ist eine Theaterkritik? Laut Rowohlt-Theaterlexikon Band 1 ein „beschreibender, interpretierender, einordnender und wertender, auch glossierender Bericht über einen abgeschlossenen, nur bedingt wiederholbaren Vorgang auf der Bühne nach subjektiven Kriterien“. Wichtigste Voraussetzung: die „Kenntnis der Produktionsweisen des Theaters allgemein und in verschiedenen Zentren“. Problem und steter Vorwurf sei „die Frage nach den Kriterien eines Urteils. Sie können immer nur jeweils neu aus der Differenz von Absicht und Ausführung, Anspruch und Ergebnis nach eigener Sicht und (auch weltanschaulicher) Überzeugung des Kritikers vom ‚Richtigen‘, seiner Erwartung an das Theater, die sich auch in Forderungen an die Bühne artikuliert, gewonnen werden.“

Was aber bedeutet das für die Kritik über eine Inszenierung mit Schauspieler_innen mit Behinderung? Wie sehr die „eigene Sicht“, die „weltanschauliche Überzeugung“ und die „Kenntnisse der Produktionsweisen“ eine Rolle spielen, zeigen die Kritiken zu „Disabled Theater“: Weil der berühmte Konzepttanz-Choreograf Jérôme Bel erstmals mit dem Zürcher Theater HORA zusammenarbeitete und das Ergebnis auf sämtlichen wichtigen Theaterfestivals zu sehen war, setzten sich plötzlich Medien, das gedruckte Großfeuilleton wie das Lokalblatt, das Radio wie das Fernsehen mit Theater mit Menschen mit Behinderungen auseinander. Dabei spülten sie allzu oft den Diskurs und die Kriterien ihrer Kritik in den sicheren, sozial(pädagogisch)en Hafen: Ist ja alles so schön berührend hier.

Das Fundament

Erschreckender noch, dass sich hier – wie in vielen journalistischen Beiträgen über Menschen mit Behinderung – sprachliche Klischees, Bilder und Floskel wiederfinden, die die Menschen „leiden“ lassen, an den Rollstuhl „fesseln“, sie in erster Linie auf ihre Behinderung reduzieren. Auf leidmedien.de, wo ein engagiertes Team um Sensibilisierung der Sprache kämpft, um eindimensionale Darstellungen von Menschen mit Behinderung zu vermeiden, steht: „Inklusion heißt auch, erst einmal danach zu fragen, was eine Person macht, denkt oder sagt, und erst dann danach, was sie ist.“

Leidmedien.de als sensibilisierender, sprachlicher Leitfaden schafft ein Fundament, auf dem wir Blogger_innen aufbauen können. Es löst aber noch nicht die Problematik des Schreibens einer Kritik. Zu sagen: Ich schreibe eine Kritik über eine Inszenierung mit Menschen mit Behinderung, als wäre hier kein Unterschied zu einer Inszenierung eines Stadttheaters, klingt einfach und lässt zugleich ein tückisches gleichmachendes Moment aufkommen. Denn: Nein, wir sind nicht alle gleich!

Nicht zuletzt tappt man hier in eine Euphemismus-Tretmühle. Die schönsten neudeutschen Formulierungen (mulitabled, mixedabled), seien sie noch so positiv besetzt, liegen immer nur an einer sprachlichen Oberfläche. Versucht man aber, Menschen mit Behinderung in einem Beitrag zu beschreiben, ist da oft vom „Trotzdem-Mensch“ mit seinen „besonderen“ Fähigkeiten die Rede. Zwar wird er als Individuum gewürdigt, aber nur unter der Bedingung, dieses Individuum auf seine außergewöhnliche körperliche oder geistige Verfasstheit, seine „Leiden“ zu beziehen.

Was wir brauchen

Den Künstler_innen mit Behinderung muss eine durchaus kritische Rezeption ihrer Leistungen zugestanden werden, die sich auch vom ständigen Zurückgeworfen-Werden auf die eigene Behinderung löst. Wir brauchen Kritiken, die Diskurse und ihre Konstruktionen hinterfragen. Wir müssen mit dem arbeiten, was auf der Bühne passiert. Unsere Sehgewohnheiten genauso wie unsere Sprache sensibilisieren für die theatralen und ästhetischen Prozesse auf der Bühne. Es sind die künstlerischen Maßstäbe, die zählen. Nicht der Mensch, der dahinter steht. Verabschieden wir uns von Leistungsprinzipien, die lediglich ein herrschendes Mittel der Mehrheitsgesellschaft sind. Konzentrieren wir uns auf die strukturellen und ästhetischen Arbeitsweisen der Produktionen. Welche Spannungen treten etwa auf, wenn ein nichtbehinderter Regisseur Schauspieler_innen mit Behinderung in Szene setzt? Was für Geschichten werden erzählt, in Bildern, Worten und Handeln? Welche Diskurse werden aufgegriffen?

Scheinheilige Selbstkonstruktionen

Wir müssen jegliches Fremdsein und Betroffensein reflektieren, uns eingestehen, wenn es spürbar im Raum schwebt und subjektives Erleben benennen. Diese Momente der Konfrontation mit Theater mit Menschen mit Behinderung von uns wegzurücken, zu objektivieren, verschleiert ein Stück Wirklichkeit oder kann in seiner Gegenbewegung die eigenen scheinheiligen Selbstkonstruktionen entlarven. Vermeiden wir unter dem Druck der political correctness, Betroffenheitslyrik und sozialpädagogische Solidarisierung zu produzieren. Gestehen wir uns eine selbstkritische Konfrontation mit der eigenen mehrheitsgesellschaftlichen Position ein, von der wir ein Teil sind.

Wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass wir rein strukturell in einem integrativen System leben – nicht aber im Sinne einer Inklusion. Wir dürfen abstrahiert wirkende Bewusstseinsbildung und die vorherrschende Vorstellung von Menschen mit Behinderung nicht verwechseln mit einer tatsächlichen soziopolitischen Realität. Jene Vorstellungen sollen kritisch hinterfragt und nicht blind adaptiert werden. Das wäre zu einfach. Genauso, wie das Mehrheitspublikum zu oft über Schauspieler mit Behinderung auf der Bühne sagt: So sind sie wirklich!

Wir müssen die Schleusen öffnen, das isolierte sichere Hafenbecken ins offene Meer auslaufen lassen und Theater mit Menschen mit Behinderung in seiner Professionalität ernst nehmen. Es ist unserer Kritik würdig.

1 Kommentar

  1. Jahresrückblick Leidmedien 2013 › Leidmedien.de - Über Menschen mit Behinderung berichten. · 31. Dezember 2013

    […] Welche Witze über behinderte Menschen gehen und welche nicht verriet uns eine Diskussion auf Facebook, nachdem die taz sich über den blinden Fußballspieler Robert Warzecha lustig gemacht hatte. Wir brauchen wohl noch mehr Berichterstattung über blinde Persönlichkeiten. Ähnliches betrifft psychisch erkrankte Menschen: Die ZEIT lernte dazu, als sie erst über “irre erfolgreiche Wahnsinnstypen” und dann über die Aktion “#isjairre” berichtete. Uns gefielen auch die Spots in Hamburger Kinos über bipolare Störungen und Depressionen. Bei weiteren Unsicherheiten im Umgang mit behinderten Menschen hilft seit 2013 auch der Deutsche Knigge-Rat. Für Kulturkritiken empfehlen wir das Manifest des Theaterfestivals No Limits. […]