Kurz kurz lang

Kurz kurz lang

Der letzte Abend des Festivals im Festival: „Eins, zwei, drei“ gibt noch einmal richtig Gas

Der dritte Abend des Festivals im Festival „Eins, zwei, drei“ – nach Teil 1 und Teil 2 – versammelte zwei Zwanzigminütiger und ein abendfüllendes Stück. Zu elektrisierender Musik und einem dazu passend flimmernden Lichtspektakel verausgabt sich die britische Tänzerin des Culture Device Dance Projects Sarah Gordy. Zwanzig Minuten lang gehört in „Stop Making Sense“ die Bühne ihr. Energetisch nutzt sie den Raum, saugt die Energie aus der experimentell elektronischen Musik, um am Ende jedes Titels kurz den theatralen Tod zu sterben. Mit jedem neuen Beginn kommt sie erneut zu Kräften, sammelt ihre Stärke. In ihrem Gesicht herrscht mal die Panik, mal die Lust, aber immer starke Gefühle. Die Improvisationschoreographie legt eine kraftvolle Ästhetik an den Tag, deren Energie einen aber nicht ganz durchdringt.

Wie ein Gecko klammert sich kurz darauf der Tänzer Alessandro Schiattarella an der Wand entlang auf die Bühne. Mit stakkatoartigen Bewegungen teilt er einen in sich runden Ablauf in stroboskopbartige Bilder. Auf seinem Hocker angekommen, beginnt er ein Duett mit seinem Schatten. Sein Körper tanzt voraus und  ist damit beschäftigt, ihn zu korrigieren. Schiattarella, ein ausgebildeter Balletttänzer, hat Muskelschwund. In „Altrove“ (deutsch: anderswo) entführt er uns auf eine Entdeckungsreise über die Grenzen seines Körpers hinaus. Suchend blickt er sich im Raum um, versucht durch die Wand zu gehen und gleitet schließlich unter den Tanzboden, der ihn anderswo wieder gebiert. In der warmen Höhlenwelt von Licht und Schatten erzählt Schiattarella poetisch von der Eleganz einer Normüberschreitung.

Alessandro Schiattarella tanzt ein Duett mit seinem Schatten © Holger Rudolph

Alessandro Schiattarella tanzt ein Duett mit seinem Schatten © Holger Rudolph

Pingpong mit Worten und Gesten

Der dritte Teil beeindruckt schon mit seiner Länge: 80 Minuten sind abenfüllend. In „Subway to Heaven“ spiegeln sich Performer Martin Clausen und Thikwa-Schauspieler Torsten Holzapfel. Sie schneiden Grimassen, sie widersprechen einander, sie erleben gemeinsam. Torsten Holzapfel erzählt von einer verwahrlosten Kindheit und bekommt kein Mitleid: „Gewalt ist leichter zu erwidern als Liebe.“ Stattdessen hilft ihm Clausen beim Erinnern. Sie diskutieren über Glück und Schicksal. Und über Theater. Wie Pingpongbälle fliegen die Ansichten hin und her, ohne auf einen Punkt zu kommen. Dieselbe Debatte über Theater und Kunst, die schon seit hunderten von Jahren geführt wird. Ist Theater Kunst? Sind die alten Drehorgelspiele von damals Kunst? Ist das U-Bahn-Netzwerk Kunst?

Martin Clausen findet: ja. Er weiß alles über U-Bahnen. In Budapest gabs die erste und es gibt ganz verschiedene Bauweisen der Tunnel. Die beiden spannen ein U-Bahnnetz über die Bühne, weben sich ein Netz, das sie auffängt. Holzapfel entwickelt die Utopie eines globalen Nahverkehrnetzes: eine Bahn von Berlin nach New York, unter dem atlantischen Ozean hindurch, 6384,80 km lang.

Berlin, Stadt der Träumer und Spieße

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Torsten Holzapfel und Martin Clausen © Holger Rudolph

Mit ihrer urkomischen Art liefern die beiden ein amüsantes Mit- und Gegeneinander, das auch für sich hätte stehen können. Dieser Abend der Drehorgelüberstrapation dreht sich vor allem aber auch um Berlin, die Stadt der Träumer und der Dönerspieße. Eine subtil versteckte Ode an die Stadt der zwanziger Jahre bis heute.

Mit der anschließenden Podiumsdiskussion, die etwas ausuferte und vom konkreten Ereignis zu generellen Debatten über die Ästhetiken von inklusivem Theater führte, endete der Abend und damit auch „Eins, Zwei, Drei – ein Festival im Festival“.