Zeitzeichen

Zeitzeichen

Der zweite Tag des NO-LIMITS-Symposiums „Wen kümmert’s, wer spricht?“

Habe ich noch Zeit?“

Sind drei Minuten so lang?“

Ich habe noch fünfzehn Sekunden!“

Immer wieder stand beim ersten Symposiums-Tag von “Wen kümmert’s, wer spricht?“ am Freitag die Auseinandersetzung mit der allzu gleichgültig voranschreitenden Zeit im Vordergrund. Insbesondere in ihren einführenden Worten schienen Marcel Bugiel und Yvonne Schmidt mit der Zeit zu kämpfen, wobei sie sich allerdings willentlich in diesen Kampf stürzten, indem sie eine Stoppuhr herumreichten, die jeder Person genau fünfzehn Minuten Sprechzeit am Stück einräumte.

Vielleicht hätte das Symposium “Wen kümmert’s, wer wann wie lange spricht?“ heißen sollen.

Rückblick: Zeitraffer

„Zeit ist relativ!“ hat dabei doch mal irgendwer gesagt – und das war vielleicht gar nicht so dumm. Natürlich gibt es eine messbare Zeit, natürlich ist es gerecht, jedem Redner gleichviel davon zuzuteilen und natürlich ist es wichtig, dass auf einem Symposium ein bestimmter Stundenplan eingehalten wird. Bloß nahm die Unterwerfung unter die mechanisch verlaufende Naturzeit (um Walter Benjamins Worte zu klauen) mitunter derart groteske Züge an, dass das was unter dem wann und wie lange unterzugehen schien. So redete Mathilde Pavis von der University of Exter beispielsweise derart schnell, dass ihr Thema vom Zeitstrom gleichsam mitgerissen wurde, ohne – so möchte ich behaupten – vollständig in den Köpfen der Zuhörer hängen zu bleiben. Zumindest blieb nicht allzu viel Raum, innezuhalten und das Gesagte zu reflektieren. Schade eigentlich, da interessante Fragen wie etwa nach Autorschaft und Assistenz in künstlerischen Schaffensprozessen aufgeworfen wurden.

sympowork5_NoLimits_FotoMichaelBause

Katja de Bragança vom OHRENKUSS-Magazin, hier mit Peter Pankow bei ihrem Symposiums-Workshop © Michael Bause

Anders gestaltete sich die Auseinandersetzung mit besagten Fragen am zweiten Symposiums-Tag, der mit drei Praxisberichten begann. “Wo mir das Herz stehen bleibt, wo ich denke: Das hat noch nie jemand so gesagt, wo Erinnerungen hochkommen – da hält die Zeit kurz an“, bemerkte hier Katja de Bragança als erste Rednerin in Bezug auf veröffentlichungswürdige Texte. Mit ihrer beruhigend langsamen und dabei doch nicht einschläfernden Stimme gelang es ihr tatsächlich, einen Gedankenraum fernab der Zeit zu schaffen.

Die Zeit austricksen

De Bragança gab Auskunft über das OHRENKUSS-Magazin, das seit fünfzehn Jahren alle sechs Monate erscheint und von Menschen mit Down-Syndrom geschrieben wird. Während de Bragança zufolge das meiste, was wir im Alltag hören, zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinausgeht, seien Ohrenküsse diejenigen Worte, die im Kopf hängen bleiben. Ursprünglich war de Bragança übrigens Biologin, die fest an die alte Lehrmeinung glaubte, derzufolge Menschen mit Down-Syndrom weder lesen noch schreiben können. Dann allerdings wurde sie mit einem Text konfrontiert, der von einem Menschen mit Down-Syndrom verfasst wurde und auf einer einzigen Seite die Geschichte Peter Pans zusammenfasste (nebenbei bemerkt ist es diesem gelungen, die Zeit auszutricksen und im Nimmerland ewig jung zu bleiben). So sei in ihr das Bedürfnis entstanden, zu beweisen, dass Menschen mit Down-Syndrom sowohl lesen als auch schreiben können, „und zwar gut!“

sympowork6_NoLimits_FotoMichaelBause

Anne-Francoise Rouche (vorne) bei ihrem Symposiums-Workshop © Michael Bause

Von einem magischen Ort, der seinen ganz eigenen Gesetzen folgt und in dem folglich auch die Zeit anders vergeht (vielleicht von einer Art Nimmerland?) berichteten Anne-Francoise Rouche und Thierry Van Hasselt. In ihrem Beitrag ging es um die Zusammenarbeit zwischen einer Kunstwerkstatt für Menschen mit einer geistigen Behinderung (CEC La “S“) und einem Brüsseler Comic-Kollektiv. Beide räumten ein, dass sich diese Zusammenarbeit mitunter als schwierig gestaltet und nicht funktioniert, konzentrierten sich aber als positives Beispiel auf das gemeinsame Projekt zwischen Van Hassel und dem Künstler Marcel Schmitz. Dieser baut seit langem an einer vorrangig aus Pappe und Klebstoff zusammengesetzten Phantasiestadt namens „FRAN DISCO“ (die französische Version für SanFransisco). Zwar konnte er sich mit seinem Körper bereits durch diese Stadt bewegen, jedoch nicht den Figuren (wie etwa dem Weihnachtsmann) begegnen, mit denen er sie gedanklich bevölkerte. Van Hassel entschied sich also dazu, die Stadt in einem Comic aufzuzeichnen und Schmitz darin mit allerlei Gestalten zusammentreffen zu lassen. Schmitz wiederum griff in diese Arbeit ein, indem er die Comics mit eigenen Zeichnungen ergänzte, sodass die Zusammenarbeit zwischen beiden Künstlern also immer enger und komplexer wurde.

Die Fruchtbarkeit einer solchen Zusammenarbeit betonte auch Margaret Ames, die gemeinsam mit dem behinderten Choreographen Adrian Jones an Tanzperformances im dörflichen Wales arbeitet.

“Ich bin lieber Maler und Künstler und versteh die Welt nicht mehr!“, sagte Peter Pankow, Maler, Schauspieler und Pressesprecher des „Theater Thikwa“, in seiner ersten Tageszusammenfassung. Dann unterbrach ihn das Piepen der unerbittlichen Stoppuhr.

9 Kommentare