Lutschen auf Augenhöhe

Die Geschichte vom
Daumenlutscher, links:
Verena Kiegerl

Schauspieler im Fokus: Verena Kiegerl spielt beim Mezzanin Theater

 

Als Kind fand Verena Kiegerl den „Struwwelpeter“ eher witzig, auch langweilig – Angst hatte sie keine, denn ihr wurde das Buch nicht als ernst präsentiert. Doch wenn sie sich mit einer Figur aus dem Kinderbuch hätte identifizieren müssen, dann wahrscheinlich mit Hans Guck-in-die-Luft.

Verena Kiegerl, seit 2003 freies Mitglied beim Mezzanin Theater, hat in Kooperation mit dem KumEina-Theater beim „Prinzip Struwwelpeter“ die Geschichte vom Daumenlutscher nachgespielt – als verklemmte Arztschwester, die ihn mit ihrem Vorgesetzten Dr. Schneider therapieren soll.

Insgesamt ist das die vierte Koproduktion mit dem KumEinaTheater, in der Verena Kiegerl mitspielt. Das so genannte „integrative Theaterprojekt“ findet sie „interessant“, da bereits beim ersten Versuch des Zusammenspiels klar wurde, dass man ein Gleichgewicht finden muss, damit keiner der Schauspieler zu kurz kommt. „Wir haben zusammen ein Stück entwickelt und gemerkt, dass manche der behinderten Schauspieler plötzlich keine Lust mehr hatten und die Verantwortung an uns abgeben wollten – bei einem gemeinsamen Projekt funktioniert das natürlich nicht.“ Gerade das muss Theater sein: Kein „Komm, du darfst auch mitspielen“, sondern ein „Wir spielen zusammen“.

„Dass Annegret den Daumenlutscher spielt, war von Anfang an klar. Wir baten sie, eine Daumenlutsch-Performance zu spielen – und sie überzeugte sofort.“ In dieser Interpretation werden Rollen getauscht: Nicht zum Opfer wie in Heinrich Hoffmanns Original, sondern zum Täter wird der Daumenlutscher. Für Verena Kiegerl musste allerdings noch eine Rolle gefunden werden. Die Mutter des Daumenlutschers wollte sie nicht spielen, da hätte sie nicht auf Augenhöhe spielen können, sondern wegen ihrer Position Anweisungen geben müssen. Gerade das aber sollte ja verhindert werden. Also übernahm Mario Granzer vom Theater KumEina und langjähriger Schlingensief-Protagonist die Rolle des Oberarztes Dr. Schneider, Verena Kiegerl die der hörigen Schwester Helga, die ihm nach dem Mund redet.

Am Zusammenspiel mit Menschen mit Behinderung schätzt Kiegerl die Herausforderungen. „Gerade gestern hat Mario viele Fehler gemacht, weil wir nicht viel geübt haben. Ich muss natürlich immer irgendwie reagieren, wenn etwas schief geht, damit das Stück weiterläuft. Die Arbeit mit behinderten Menschen steht deshalb aber auch für Lebendigkeit, die ich sehr schätze.“

Die Ausgeglichenheit, die zwischen Schauspielern mit und ohne Behinderung herrscht, bemerkt man auch am Stück: Es geht nicht darum, Menschen mit Behinderung „auch mal auf die Bühne zu lassen“, sondern Projekte zu machen, ohne dass jemand aufgrund seiner Körperlichkeit ins Rampenlicht gerückt werden muss, um Gutmenschlichkeit zu beweisen. Das schaffen Mezzanin und KumEina mit dem „Daumenlutscher“, der es nicht nötig hat, Geschichten von Behinderungen zu erzählen, sondern für sich selbst steht.

1 Kommentar

  1. MezzaninKumEinaFan · 22. November 2011

    Es freut mich sehr, dieses Stück gesehen zu haben und durch das Portrait noch mehr erfahren zu haben. Danke.