Mad Music Night – ein Abend in sechs Kapiteln

Mad Music Night – ein Abend in sechs Kapiteln

„Mad Music Night“ hatten die NO-LIMITS-Macher die letzte Produktion des Festivals genannt, wo mehrere Ensembles und Künstler im Ballhaus Ost das Festival-Publikum noch einmal richtig aufmischten. Sechs Impressionen zu sechs Kurzkonzerten.

The Skills
Wie zwei überaus reizende französische Austauschstudentinnen schreiten sie auf die Bühne, binden sich zeremoniell steife Krägen um und montieren die Kugel ihrer Mikros ab. Dann beginnt das elektronische Klanggewitter, das die Schwestern im Geiste Milena Fehér und Sylvi Kretzschmar wie einen großen Zauber zelebrieren mit Stroposkoplicht-Kästchen und großen Gesten. Über dem starken Beat sirrt synthetisch die Melodie, dazu fräsen sich ihre Texte als mehrstimmig-dissonanter Sprechgesang ins Ohr. Natürlich ist ihr choreografiertes Gefummel an den Knöpfen und Schaltern ein großer Budenzauber. Aber er bleibt in all ihrer Anmut wunderbar: Wie ihre Haare fliegen über den strengen Kniekleidern und den roten Signalstrumpfhosen! Magierinnen sind’s des großen Nichts, dennoch will man sich von ihnen unbedingt retten lassen. Und ihnen glauben, wenn sie verkünden: „Don’t wory, we’re the Skills, we’ll fix it.“
Georg Kasch

Beton
„Nimm mich mit, nimm mich fort, nimm mich mit an einen anderen Ort…“ Auf der Mad Music Night entführt die Band „Beton“ (gegründet von „Das HELMI“-Mitgliedern) ihr Publikum mit den Klängen von Akustikgitarre, Bass, Schlagzeug, Glockenspiel und einem trötenden Miniatur-Saxophon an einen kalten Nordseestrand. Es ist, als würde man in Decken eingewickelt um ein Lagerfeuer sitzen und ein bisschen von einem Woodstock-artigen Leben jenseits gesellschaftlicher Zwänge träumen. Oft nimmt die Band Bezug auf Filme wie etwa „Django Unchained“ und „Oh Boy“, die Tragikomödie eines ziellosen Berliner Studenten in Schwarz-Weiß: „Oh Boy, steh doch endlich auf, warum schaust du zum Fenster hinaus?“, singt Stephanie Stremler lakonisch und stört sich nicht daran, wenn mal ein Ton zu tief herausrutscht. Am Ende erklingt eine Adaption von „Skyfall“, dem Titelsong des neuesten James Bond-Films: „Im Weltall ist alles Zufall…“
Gesche Beyer

The Choolers
Flackernd rotes Licht, schepperndes Blech, dröhnende Posaunen, garstiges Lachen und eine kratzig-rauchige Stimme, die seltsame Schätze aus tiefsten Meeresgründen emporzuwühlen scheint – gut möglich, dass The Choolers dem Teufel höchstpersönlich auf seinen wüsten Streifzügen durchs Schattenreich einheizen. Die Band aus den belgischen Ardennen präsentiert einen fesselnden Mix aus Trip Hop, Barjazz und und Hardcore. Die bizarren, mitunter zu einem schrillen Kreischen anschwellenden Klangkombinationen schicken die Zuhörer auf eine Jagd durch ihr eigenes Gedankenwirrwarr – es ist, als würde man den Erinnerungsfetzen an eine vergessen geglaubte Nacht hinterherhetzen. Mal setzen sich die Eindrücke zu verstörenden, mal zu erschreckend schönen Bildern zusammen aus einer Welt jenseits von Vernunft und Ordnung. Eines der Bandmitglieder zeichnet unermüdlich, der Zeichenprozess leuchtet auf einer Leinwand. Zuerst erinnert mich die Zeichnung an einen Hut. Doch die Choolers rufen mir ins Gedächtnis, dass es ebensogut eine Schlange sein könnte, die gerade einen Elefanten gefressen hat – das ist wie immer eine Frage der Perspektive. Und der Fantasie.
Gesche Beyer

Klaus Beyer
Was Klaus Beyer, ehemaliger Schlingensief-Schauspieler, macht, geht über den Menschenverstand hinaus. Er ist Filmemacher, Popsänger, Punkrocker und, wahrscheinlich ohne es zu wissen oder zu wollen, ein System, eine Kultfigur und ein Gesamtkunstwerk, wie es das Programmheft verspricht.
Er mag liebenswürdig erscheinen auf der Bühne, zusätzlich Applaus von der johlenden Menge absahnen, aber welcher ältere kauzige Herr mit grauem Haar (aber vollem Wuchs) und grauer Jogginghose, der sein Kostüm in einer Saturn-Tüte mitbringt, ist das nicht. Beyer ist kein Tänzer. Den Oberkörper schwingend, leicht knieknickend steht er wie angewurzelt da. Neben ihm ein Barhocker, auf dem er seine Musikbox stehen hat. Beyer ist Performer – jede einzelne Sekunde lang zwischen Eigenkompositionen und  Beatles-Covers. „Here comes the sun“ wird zu „Sonnenschein muss sein“.  Seine Übersetzungen verwandeln die Lieder, zeigen, was ihn darin bewegt. „Hey Jude“ erfährt die abstrakteste Metamorphose: „Hey Schatz“ trällert Beyer in traurigem „La La La“-Singsang, treibt minutenlang ewigen Wiederholungen fort, driftet ins psychodelische ohne Variation und singt weiter bis er das Publikum angesteckt ist –  „La la la, bis du lachst.“
Wenn Beyer auf der Bühne steht, scheint die Zeit stillzustehen und wiederholt sich dabei solange, bis man wirklich lacht – einfach nur, weil man ein gutes Gefühl hat. So als wäre er immer schon dagewesen und als man ihn wirklich gesehen hat, will man nicht mehr, dass er wieder weggeht. Beyer ist vage, abstrakt, selbstlos. Er ist nicht fassbare fremde friedliche Welten: „Ich geh jetzt ganz glücklich nach Hause. Und ich werde immer an euch denken.“
Lukas Gmeiner

Andi end Friends
Andis Leidenschaft ist das Singen, sagt das Programmheft. Andreas Lehrke ist seit 25 Jahren Mitglied der Hamburger Musikband Station 17. 1988 wurde die Band von Musikern mit Bewohnern einer Wohngruppe gegründet mit dem Ziel, ein Album aufzunehmen. Aus eins wurden acht und so stand Andi auch gestern wieder auf der Bühne. „Andi end Friends“ hieß die immer lächelnde Band, die nach Mitternacht dem wohlbesuchten Ballhaus die so ersehnte Techno-Spaßmucke lieferte. Lächelnd brachten die Mitglieder des inklusiven Netzwerks „barner 16“ das Haus zum Tanzen: Stella Edler sang, Kevin Hamann und Siyavash Gharibi bearbeiteten gemeinsam die Drummachine.
A, N und D tragen sie groß und silbern auf ihren knallroten T-Shirts. Daneben der Andi, das I, links außen und einen Meter nach hinten versetzt. Während des gesamten Konzerts tritt er monoton auf der Stelle, wankt vor und zurück und nuschelt unverständliche Worte in sein Mikrophon. Da hätte ja auch niemand was dagagen, weil ja die Party gut war und alle tanzten. Auch waren die alle echt sympatisch und so. Aber den Andi mit dem Downsyndrom als Bandleader und Schlüsselfigur inszenieren… Wieso eigentlich? Andis Leidenschaft ist das Singen, sagt das Programmheft. Dann lasst ihn singen, sage ich.
Benedikt Wyss

Das Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester – Der Grindchor
Nasenflöten? Ach bitte… Und dann stand er da, der Grindchor, vor über zwei Jahrzehnten von MC Westbemme und Hanns Martin Slayer initiert – das Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester. Die sieben ausgewachsenen Männer, kühn mit Sonnenbrillen, haben ein so seltsames Gestell vor Mund und Nase, dass man fast ein wenig an Hanibal Lecter denkt. Wären es nicht sieben geradezu blendend gelaunte Komödianten, die ihre lächerlichen Perlen der Popkultur („Kuschelrotz“, „Stille Tage in Rüsselsheim“ oder „Popelärmusik“) in den höchsten Tönen loben. Alles tanzt, alles singt, alles lacht – noch weit nach Mitternacht.
Benedikt Wyss

 

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