Märtyrerprinz im 3D-Land

Märtyrerprinz im 3D-Land

De Utvalgte verfolgen in „Visjonaeren“ die Krankheit Hass

Auch in individualisierten Zeiten wie dem 21. Jahrhundert können wir uns nicht vor den gesellschaftlichen Strukturen und Problemen verstecken, die visionäre Ideen fordern: Die Flüchtlingskrise, die polarisierende Gewalt, Internet-Terrorismus und die Transparenz des eigenen Seins fordern lautstark unsere Aufmerksamkeit und schreien nach Taten. Offenheit und Hoffnung sind die wahren Aufgaben unserer Zeit, wenn es um die Bewältigung der allgemeinen Überforderung geht. Die Suche nach den Menschen, die diese Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, führt einmal im Kreis.

Die norwegische Gruppe De Utvalgte, die mit ihrem gleichnamigen Stück No Limits 2015 eröffnet hatte, reißt in „Visjonaeren“ (Visionäre) eine Vielzahl von Themen an: Ausbeutung, Alkoholismus, Lügen, Migrationskultur, Leben in der Öffentlichkeit, Aggressionsbewältigung. Grundlage ist Ludvig Holbergs Theaterstück „Jeppe vom Berge“, ein skandinavischer Klassiker: Jeppe ist ein saufender Bauer, der Angst vor seiner gewalttätigen Frau hat und eines Tages nach einem Vollrausch im Straßengraben im Palast des Barons wieder zu sich kommt. Allmählich findet er Gefallen an der Macht und beginnt sie zu missbrauchen – bis der Baron Jeppe in eine Mischung aus Traum und Wahnsinn schickt.

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In der Schusslinie: Ari Behn als Jeppe © Ann Iren Ødeby

Ari Behn, Autor des Stücks und Ehemann der norwegischen Prinzessin Märtha Louise, durchsetzt diese Geschichte mit autobiografischen Elementen. Rauschartig sinniert er auf der Bühne als Jeppe über alle aktuellen gesellschaftlichen Phänomene hinweg. Behn suhlt sich neben dreidimensionalen, menschengroßen Würmern im Dreck, während er über seine Berühmtheit und den Druck redet, den er bei der ganzen öffentlichen Verantwortung verspürt. Der „Märtyrerprinz“ ist ein elender Wurm, dessen Klagen mit einer Verwandlung in den Amokläufer Anders Behring Breivik enden.

Wie schon in „De Utvalgte“ arbeiten De Utvalgte mit 3D-Projektionen. Auf der hinteren Wand tauchen Visionäre auf, mit denen Behns Jeppe ins Gespräch kommt: der Dalai Lama, eine Friedensaktivistin, ein Drogentherapeut. Die Botschaft: „Write new pages für your life!“ Allerdings gibt nur wenige Stellen, an denen die 3D-Technik die Performance bereichern. Eine davon ist ein Gespräch mit einem Soldat. „Irgendwann geht das Töten ganz von selbst.“ Er erklärt uns wie seine Waffe funktioniert, während er den Lauf des Gewehrs immer wieder aufs Publikum richtet. Einmal drückt er sogar ab, einige Zuschauer zucken zusammen.

Die große Wirkung solcher 3D-Bühnengestaltung lässt sich auch an der Flussszene besonders schön beobachten. Jeppes Frau Nille, gespielt von Rebekka Joki, sitzt mit ihren Babies am Wasser und wäscht Klamotten, während sie sich bei ihrer Freundin über die Eskapaden ihres Mannes beschwert. Die Freundin wird zum Boten und reitet, auf der Stelle galoppierend , die Nachrichten zwischen Jeppe und Nille hin und her. Dabei verändern sich die Nachrichten wie bei der Stillen Post auf ihrer Reise durch die Tiefen der 3D-Landschaft. Die wirkt allerdings oft überflüssig und lenkt von der ohnehin verworrenen Geschichte ab.

Zu Beginn sagt Nilles Freundin, sie dürfe die Kinder nie alleine lassen. Denn Kinder haben kein Gedächtnis. Wenn sie denken, sie wären verlassen worden, verlieren sie ihre Empathie. Fehlende Empathie erweist sich in der gesamten Inszenierung als Schlüssel zu Aggression, zu Alkoholismus, zur Ausbeutung, kurz: zu allem, was den Menschen an den Abgrund treibt. Einmal wird von Krankheiten berichtet. Eine Stimme fragt, welche Krankheiten gemeint sind: „Hass zum Beispiel…“ Krankheiten sind ansteckend, sie schaden den Menschen, man sucht sie sich nicht aus. Und so lautet auch das Urteil des Richters bei der abschließenden Verhandlung über Jeppe: unzurechnungsfähig.

So verwirrend wie die aktuelle Lage, in der sich die Menschen heutzutage befinden, ist auch dieser Abend. Er öffnet unzählige Fässer, schöpft aber keines voll aus. Oberflächlich zappt sich das Stück durch die Kanäle dieser Welt, und zieht schließlich, vom Angebot enttäuscht, den Stecker.