Morbide Horrorshow

Morbide Horrorshow

Weißer Staub wirbelt auf, als die beiden leblos ineinander verschlungenen Männer ein letztes Mal erwachen, um ihre Kräfte in einem Kampf um Leben und Tod miteinander zu messen. Jede Faser ihrer halb entblößten, mit Kreide bemalten Körper bebt vor Zorn, sie stampfen und röhren wie wilde Tiere, sie bäumen sich brüllend auf – und dann, mit einem donnernden Paukenschlag, prallen ihre Leiber zu Boden. Der wehleidige Klagegesang einer schwarz gekleideten Frau, der den Kampf der beiden Männer begleitet hat, verebbt zu einem Schluchzen. Wimmernd und händeringend sinkt die Sängerin auf die Knie.

So zeigt die französische Compagnie Création Ephémère in „Variations Antigone“, aufgeführt im Theater RambaZamba, den Kampf der Brüder Eteokles und Polyneikes, der mit ihrer beider Tod endet. Und so hätte ihn vielleicht Sophokles daselbst im antiken griechischen Theater inszeniert. Vom weiteren Verlauf der Dinge wäre er aber vermutlich eher pikiert gewesen. Denn als nächstes treten zwei in rotes Scheinwerferlicht getauchte Zombies auf. Wie willenlose Marionetten, deren Gliedmaßen, von unsichtbaren Fäden gezogen, spastisch zucken, zerren sie die Toten mit sich in die Unterwelt – als läge der Inszenierung von Regisseur Philippe Flahaut keine griechischen Tragödie, sondern ein Schauerroman zugrunde.

Die Bühne wird bei ihm zum Friedhof und zum Geisterschloss zugleich. Kreon könnte mit seinem weiß geschminkten Gesicht direkt dem Kabinett des Dr. Caligari entsprungen sein, die Schwestern Antigone und Ismene sind in schwarze Tüllkleider und zerrissene Strumpfhosen gehüllt, als wollten sie ein Halloweenfest besuchen. Bühnenbild und Maske stellen ihre eigene Künstlichkeit aus – so wird mit beißend morbider Ironie eine von Inzest zerfressene, zu Monstern mutierte Familie dargestellt.

© Michael Bause

Gleichzeitig erinnert die Aufführung an eine frühe Verfilmung von Mary Shelleys Roman „Frankenstein – der moderne Prometheus“ und weist damit auf eine seltsam anmutende Parallele zwischen Frankenstein und Antigone hin: Frankenstein wehrt sich gegen den Glauben daran, dass es göttlicher Kraft bedarf, um menschliches Leben zu erschaffen, Antigone lehnt sich gegen die Allmacht der göttlichen Gesetze im antiken Griechenland auf. Bloß dass sie als Strafe für ihren Ungehorsam dazu verdammt wird, in einem Zustand zwischen Leben und Tod, als lebendig Begrabene, durch die Dunkelheit zu irren. Sie wird selbst in Frankensteins Monster verwandelt. Und dass, obwohl sie sich doch durch ihr Handeln verzweifelt ihre Menschlichkeit zu bewahren versucht.

Am Ende schneidet sich Kreon, der Verfechter des göttlichen Gesetzes, die Kehle durch. Er selbst sieht ein, dass er in der heutigen Welt keinen Platz hat. Überraschend tritt daraufhin eine Gruppe vermummter Autonomer in das Gruselkabinett ein und überreicht dem Diener Kreons einen Schlagstock als Symbol seiner endgültigen Erlösung. Doch in seiner neu gewonnen Freiheit bricht er verzweifelt schluchzend zusammen – das Individuum im postmodernen Zeitalter, in dem das göttliche Gesetz endgültig zertrümmert ist und es nichts mehr gibt, woran man sich halten kann.