Nichts als Worte?

Nichts als Worte?

Wenn man über Menschen mit Behinderung oder Inklusionstheater schreibt, ist das auch immer eine Frage der politischen Korrektheit. Darf man vom Behindertentheater schreiben oder klingt das schon abwertend? Behindert, disabled, integrativ, inklusiv – da muss man erst mal den Überblick behalten. Und dem Stil ist damit auch nicht immer geholfen.

Laut Beate Firlingers Buch der Begriffe – Sprache, Behinderung, Integration gibt es keine allgemeingültige Definition von Behinderung. Womöglich ist man sich daher auch nicht einig, ob und wann ein Begriff wie behindert oder Behinderung legitim ist. So schreibt Firlinger, dass der hauptwörtliche Gebrauch des Adjektivs behindert äußerst undifferenziert sei. Demgegenüber vertreten die Macher von leidmedien.de die Ansicht, dass man Behinderung und behindert auch auf nicht-diskriminierende Art lesen kann. Und nun?

Integrativ, inklusiv

Firlinger rät, die Art der Behinderung zu benennen, um nuancierter aufzutreten. Allerdings ist es umstritten, jemanden als geistig behindert zu bezeichnen. Viele der so bezeichneten Menschen lehnen den Begriff der „geistige Behinderung“ ab und ziehen “Mensch mit Lernschwierigkeiten” vor. Auch der englische Begriff disabled für behindert ist strittig. Selbst wenn disabled dank Jérome Bels “Disabled Theater” ziemlich um die Welt gekommen ist, lässt sich disabled nicht nur mit behindert, sondern auch mit unfähig übersetzten – was zweifellos nicht im Sinne eines Menschen mit Behinderung ist.

Ausdrücke wie integrativ oder inklusiv hingegen sind klar definiert, allgemein akzeptiert und daher auch unbedenklich einsetzbar. So bedeuetet integrativ allgemein die Eingliederung besonderer Eigenschaften, Verhaltens- und Denkweisen in ein größeres Ganzes. Integratives Theater bezeichnet das Einbinden von Menschen mit Behinderung in Projekte von Nichtbehinderten. Inklusiv bezieht sich nicht nur auf Menschen mit Behinderung, sondern auch auf Menschen mit unterschiedlicher ethnischer und sozialer Herkunft. Bei Inklusion geht es darum, dass jeder Mensch die Möglichkeit erhält, sich vollständig und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen – unabhängig von individuellen Fähigkeiten, Herkunft, Geschlecht oder Alter.

Der Druck, politisch korrekt zu formulieren

Das Problem: Wer genau wo integriert oder inkludiert wird, bleibt vage, offen. Das mag als Konzept charmant klingen. Da es aber im Journalismus um das genaue Beobachten und Beschreiben geht, um das Schaffen von Bildern im Kopf des Lesers (oder Zuhörers), bleibt diese Offenheit ein Problem.

So, wie der Druck, politisch korrekt zu formulieren, die journalistische Schreibe hemmen kann. Um diese Blockade zu vermeiden, kann man versuchen Verallgemeinerungen, heikle oder strittige Begrifflichkeiten zu umgehen und mit den Namen der Künstler zu arbeiten. Es bleibt die Frage: Ist es für die Leser wichtig zu erfahren, welcher Art die Behinderung von Schauspieler XY ist? Gehört es zur journalistischen Informationspflicht, zu beschreiben, wie sehr das Äußere, das Verhalten eine Menschen von der Norm abweicht? Lässt sich das Besondere eines Schau-Spiels, eines Schau-Spielers beschreiben, ohne auf die körperlichen Besonderheiten einzugehen?

Das sind die Herausforderungen, die wir uns beim Schreiben über Theater mit Menschen mit Behinderungen gegenübersehen – übrigens auch das ein politisch korrekter Begriff, der in seiner Substantivreihung in jeder Schreibschule durchfallen würde. Der Balanceakt zwischen plastischen Beschreibungen und Formulierungen, die niemanden verletzen, lässt sich nicht einfach lösen, sondern nur von Text zu Text neu versuchen – Abstürze inklusive. Wem aber wäre mit einer Theaterkritik geholfen, die mehr verschleiert, als dass sie benennt?

6 Kommentare

  1. Workshops mit dem Leidmedien-Team › Leidmedien.de - Über Menschen mit Behinderung berichten. · 14. November 2013

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