Pauschalreise nach Pappstadt

Pauschalreise nach Pappstadt

Das Helmi und RambaZamba zeigen „Berlin Alexanderplatz“ als Puppentheater-Installation im Ballhaus Ost

„Achtung Achtung, verehrte Bürger, die Bank wurde soeben überfallen! Polizei!“ Ein bloß mit Mikrofon bewaffneter Mann stößt alarmierte Rufe aus, doch die Staatsgewalt scheint sich nicht zu rühren. Vorsichtig pocht eine andere Stadtbewohnerin an das Häuschen, in der laut Eddingschrift auf Pappkarton der Freund und Helfer zu finden sein sollte, doch keiner reagiert. Vielleicht sollte man es besser mal bei Batman versuchen, der wohnt ja zum Glück gleich nebenan. Schräg gegenüber vom Batmantower hat die Wahrsagerin ihr Quartier aufgeschlagen, Tür an Tür mit der Hexe, und wem nach bodenständigerem spirituellen Zuspruch zumute ist, der kann ja einfach in die Bar gehen, die praktischerweise gleich neben dem Vampirgrab angesiedelt ist.

Die sehr frei und spielerisch von Döblins Berlin der 20er Jahre inspirierte selbstgebastelte Pappstadt ist die Kulisse von Das Helmi mit RambaZambas „Berlin Alexanderplatz als Puppentheater-Installation“. Über ihr am Horizont thront eine Leinwand, die per Videoaufzeichnung bewegte Bilder vom Alexanderplatz überträgt: U-Bahnhof, Weltzeituhr, Tramhaltestelle, alles aus der Sicht einer Schaumstoffpuppe, die dort spazieren geht. Auch das Publikum soll hier die Stadt als Besucher entdecken, nicht bloßer Zuschauer sein, so das Konzept.

Damit würden wir am liebsten gleich anfangen, doch zunächst heißt es noch, sich mit dem Blick von der Loge zufriedengeben. Wir befinden uns in Warteposition, denn statt dem angekündigten „Eintritt jederzeit“ darf man die Stadtinstallation doch nur zu zwei festgelegten Zeitpunkten betreten, einmal zu Beginn, einmal nach der Hälfte der Aufführung, wenn der zweite Turnus beginnt. Warten wir vielleicht auf die Entlassung aus dem Gefängnis, wie Franz Biberkopf im Roman?

Als wir dann an der Reihe sind, geht weiter alles sehr wohlgeordnet zu: Wir bekommen Schaumstoffpuppen gereicht, auf deren Rücken eine Zahl steht, die uns einer von vier Gruppen zuordnet. Die sind jeweils mit einem Guide ausgestattet (ja, sie hält wirklich ein Schild hoch, damit man sie nicht verliert), dem man stets folgen soll: „Sonst kann es gefährlich werden!“ So erinnert das Ganze eindeutig eher an eine dröge Gruppenreise denn an waghalsigen Individualtourismus.

Und auch, als man endlich drin, beziehungsweise draußen ist, setzt sich diese Tendenz fort: Von mehreren Podesten aus verfolgen die einzelnen Gruppen das improvisierte Geschehen. Nach dem Banküberfall versetzt inzwischen die nächste Katastrophe die Stadt in Aufregung: Die Krankenschwester wurde mitten in der Nacht von einem Unbekannten getötet, ihre Tochter kauert trauernd bei der Leiche. „Franzi, du musst jetzt stark sein – der Tod gehört zum Leben dazu!“, wird ihr lapidar geraten, die geplante Pausendisko wird dann aber doch spontan abgeblasen: „Wir tanzen nicht, denn alle sind entweder tot oder trauern!“ Eines der wenigen Highlights des Abends, das es schafft, zu Sicht- und Hörbarkeit zu gelangen.

Dann heißt es wieder: „Positionswechsel!“ Folgsam erhebt sich unsere Reisegruppe und trottet zum nächsten Aussichtspunkt.

Dürfte man sich hier frei bewegen, tatsächlich die bunte Miniaturwelt erkunden, könnte einen ihr subversiver do it yourself-Charme vielleicht betören. So herrscht die angekündigte Anarchie höchstens auf Seiten der Darsteller, deren Auftritte dann allerdings leider allzu oft im Getümmel untergehen oder gar nicht zu sehen sind, falls der aktuell zugeteilte Zuschauerplatz sich gerade als ungünstig erweist. Das Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem Großstadtgewirr dagegen überträgt sich ziemlich gut – und das ist dann vielleicht doch auch wieder irgendwie döblinesk.