Popkultureller Exorzismus

Popkultureller Exorzismus

Wie viel Empowerment darf’s sein? „Lucky Strike“, eine Kooperation von S.K.A.R.T. und der Neuen Schule Hamburg, zeigt eine ganz andere Art von Inklusion.

Langsam bläht sich zu elektronischen Synthie-Klängen eine weiße Hüpfberg auf, Nebel wabert, davor steht eine riesige jedi-artige Figur, die uns auf das Glück einschwört. Es folgen Catwoman, Prinzesschen, Hawaii-Hemden und Schlümpfe, die allesamt wie Bankräuber agieren und angetreten sind, um die Warenförmigkeit der Welt zu sprengen – ritueller Exorzismus, knallig angerichtet. Der link-intellektuelle Starphilosoph Slavoj Žižek hätte vermutlich seinen Spaß an diesem neonfarbenen Dschungel aus popkulturellen Zeichen, der ähnlich kritisch und unterhaltend daher kommen will, dafür anarchistischer, zerfahrender und weniger diskurslastig.

Nihilistische Klanglandschaften

Im Ballhaus Ost zeigt S.K.A.R.T. das grimmsche Märchen „Hans im Glück“ als „Lucky Strike“, ein Abend, der bereits 2014 in Kooperation mit Kampnagel Hamburg entstanden ist. S.K.A.R.T. setzt einmal mehr auf sein bewährtes Montageprinzip, dass irgendwo zwischen Neo-Avantgarde, Punk-Rock und Nintendogame steht, sowie auf brachiale Körperlichkeit und hedonistische Verweigerungshaltung. Das traditionelle „Es war einmal…“ des grimmschen Märchens wird mit dem zeitgenössischen Kapitalismus gleichgeschaltet: Was ist Glück, was braucht es für ein „gutes“ Leben?

Dass S.K.A.R.T. hierfür mit sechs Schüler*innen der „Neuen Schule Hamburg“ zusammenarbeitet, ist bemerkenswert. „Lucky Strike“ behauptet eine radikale basisdemokratische Geste, nämlich, dass die Performance als gleichberechtigte generationsübergreifende Kollektivarbeit entstanden ist. Alle Beteiligten sind im Programmheft mit Namen genannt, Unterteilungen in Tätigkeitsbereiche wie Regie, Video- und Sounddesign oder Performance gibt es nicht. In Folge bewegt sich das Performancekollektiv (Mark Schröppel, Phillip Karau und die sechs Schüler*innen) mit spielerischer Leichtigkeit durch die schrillen, humorvollen, nihilistischen Video- und Klanglandschaften.

Selbstbewusste Körperlichkeit

Immer wieder beeindrucken die jungen Performer*innen in ihrer selbstbewussten Körperlichkeit. Die Punkrock-Nummer „Wir sind bereit“ beispielsweise, während der sie schreiend gegen die aufgepumpten Wände rennen und die Hüpfburg zur Pogo-Tanzfläche umgestalten. Das Kollektiv agiert stark und selbstbewusst. Was durchaus für S.K.A.R.T.s Arbeitsweise spricht. Mit ihrem Konzept der „Anti-Pädagogik“ lehnen Sie die Erziehung und Bildung von idealen Menschen ab. An ihr Stelle treten die Anarcho-Pose, unkontrollierbare Energieexzesse und ein schalkhaftes „Ihr-könnt-uns-nichts-erzählen“.

S.K.A.R.T.s Kooperation mit Kampnagel Hamburg ist ein spannendes Experiment, das in seinen Stoßrichtungen mit der „Freien Republik Hora“ vergleichbar ist und durchaus seinem Platz im NO LIMITS FESTIVAL Programm gerecht wird, auch wenn es kein „klassisches“ Inklusionstheater ist. In „Lucky Strike“ wird aus dem humanistischen Bildungsideal eine bloße kapitalistisch-pervertierte Produktionsmaschinerie von gleichgeschalteten Konsumenten, die bekämpft werden muss.

Kurz vor dem Leerlauf

Allerdings werden hier ähnliche Probleme sichtbar wie bei den Produktionen der „Freien Republik Hora“. Wieso weist „Lucky Strike“ die gleiche Ästhetik auf wie bereits andere Produktionen von S.K.A.R.T. zuvor? Ist die Geste des Empowerments auf die freie Wahl von Requisiten in der Warenwelt des Bühnenbildes beschränkt? Oder ist allein die Stoßrichtung des Empowerments wichtig?

Mit „Lucky Strike“ erschöpft sich die Geste des Empowerments im „Ja zum Nein“, in der bloßen Negation des Bestehenden. Was danach folgt, bleibt offen. Der psychotische Zerrspiegel unserer Gesellschaft, den S.K.A.R.T. mit ihren Bilderwelten entwirft – bis hin zum psychedelischen Videotaumel, der an eine Foltermethode erinnern und den nur Geld beenden kann –, ist zwar technisch raffiniert, ästhetisch ansprechend, aber inhaltlich kurz vor dem Leerlauf. Anarchie hat immer schon Spaß gemacht – geholfen hat sie selten.