Rollende Pinocchioköpfe

Rollende Pinocchioköpfe

Perspektivenwechsel: „De Utvalgte“ zur Festivaleröffnung im HAU

„Den Spätsommer gibt es, den Wacholderbusch gibt es und Fehler gibt es. Die Einsamkeit gibt es“, rezitiert eine Stimme Inger Christensens Langgedicht „Alphabet“. Darin werden die alltäglichsten Dinge nebeneinander gestellt. Auf der Bühne dreht sich währenddessen der Erdball inmitten unendlicher Weiten – rätselhaft schön und ziemlich plastisch.
Die Performance „De Utvalge/Die Auserwählten“ lässt das Publikum im HAU in ein 3D-Bühnenbild eintauchen, in dem alles sein darf, was ist. In der Regie von Karin Holtan zeigt die gleichnamige Gruppe aus Norwegen eine Welt, in der vermeintlich Allwissende scheitern, Wunder wahrgenommen und Vielfalt geschätzt wird.

Wissenschaftler beobachten die Erde, ein Arzt leistet Aufklärungsarbeit in Sachen Sex und verfällt anschließend in Depressionen, die Arche Noah sticht in See. Vor ihr versammeln sich die Schauspieler. Sie tragen Masken: Hunde, Frösche, Katzen und Tiger. Wer darf mit, wer nicht? Und wer entscheidet darüber?

Später liegt eine Darstellerin im weißem Kleid inmitten einer 3D Gänseblümchenwiese. Pinocchio, dessen Nase länger kaum sein könnte, schiebt einen dreistöckigen, mit Waffeleisen beladenen Wagen. Wie ein Roboter führt er jede seiner Bewegungen exakt aus, eine Maschine. Unmenschlich. Er backt Waffeln, sie ihren Traummann. Sie hat genaue Vorstellungen. Es scheint, als wäre die Kreation vollendet. Doch die Darstellerin springt auf, reißt Pinocchio die Maske herunter, misshandelt ihn, bis er am Boden liegt. Kann sie ihre eigene Lügenkonstruktion nicht länger ertragen? Was sagt die Länge von Pinocchios Nase über die reale Existenz von Perfektion aus?

So reihen sich hoch atmosphärische Bilder aneinander: Von der poetischen Draufsicht auf die Erde geht es in die Nahaufnahme. „Wenn wir den Menschen sehen, sehen wir zuerst das Äußere“, sagt einer der Darsteller im  Arztkittel. Bei „De Utvalge“ wird genau diese Denkweise umgedreht und eine andere Perspektive gezeigt. Zwei tanzende Personen, deren Körper unterschiedlich rhythmische Bewegungsmuster aufweisen, finden hier ihren Weg zueinander. Am Ende nimmt „De Utvalgte“ wieder eine Vogelperspektive auf unsere Welt ein, um zu sagen: „Den Spätsommer gibt es. Den Wacholderbusch gibt es…“ Und uns gibt es – so wie wir sind und das ist gut so. Wir alle sind auserwählt. Um das zu begreifen, müssen wohl noch bei Einigen Pinocchioköpfe rollen.