Schöne Schwerkraft

Schöne Schwerkraft

Die Tanzkompagnie Danza Mobile begeistert im Kesselhaus mit „Dame un segundo“

© Michael Bause

Einzeln und aufrecht kommen die fünf auf die Bühne, strahlend in ihrer weißen Kleidung, doch schon nach kurzer Zeit sind sie auf dem Boden zu einem Knäuel verschlungen. Sanft wiegt es sich hin und her, streckt mal forschend einen Arm heraus, wälzt sich mit einem Bein über die anderen. Aufmerksam scheint es den Raum zu erforschen, den der Gruppe und den eigenen.

Die Kompagnie Danza Mobile aus Sevilla wurde in Spanien bereits mehrfach preisgekrönt und 2010 auch international bekannt durch ihren Gastaufritt in dem Film „Me too – Wer will schon normal sein?“. Doch während sie in der Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mann mit Down Syndrom und seiner emotional instabilen Kollegin als Tänzer nur sich selbst spielen, erzählen sie hier auf der Bühne mit ihren Körpern eine ganz eigene, viel freiere Geschichte. Grundlage der Choreographie ist das Gedicht „Dame un segundo – Gib mir eine Sekunde“ von José Manuel Muñoz, Tänzer mit Down Syndrom und Teil des Ensembles. In fünf Strophen beschreibt es je einen Lebensabschnitt, von der Kindheit bis zum Alter.

Doch auch ohne das zu erkennen gibt es reichlich Raum für eigene Assoziationen und Anknüpfungspunkte: Es geht um Gruppendynamik und Kommunikation (die Gebärdensprache wird zum Tanz der Finger), Streit und Versöhnung, das Verhältnis zu sich selbst und den Anderen. Solo- und Paarauftritte wechseln sich ständig mit der Gruppenformation ab, es ist ein stetiges Anziehen und Abstoßen2, ein Entgegenkommen und sich wieder Zurückziehen – dauerhafte Paarbildung lässt die ungerade Anzahl ja sowieso nicht zu.

© Michael Bause

In einer der stärksten Szenen drängen sie sich abwechselnd gegenseitig in die Mitte: „Du musst singen!“ – „Nein, du.“ – „Ich werd mich jetzt hier bestimmt nicht hinstellen“. Dann präsentiert sich doch jeder einmal ungelenk und wird ausgelacht, wobei dieses Lachen alle so gleichermaßen trifft und dann selbst schüttelt, dass es schließlich versöhnlich wirkt, das Gleichgewicht der Gruppe wieder herstellt.

Jeder hebt auch mal den anderen hoch, die Frau den Mann, der Kleinere den Größeren, der Mann ohne Down-Syndrom den mit und umgekehrt, behutsam, neugierig, als sei es das erste Mal, und wird einer zu schwer, setzt man ihn eben wieder ab. Die Schwerkraft des menschlichen Körpers erscheint hier nicht als Makel, den es zu überwinden gilt, sondern als verbindende Gemeinsamkeit, mit der die fünf ungleichen Tänzer solidarisch umgehen: spielerische Gleichberechtigung und zeitgenössischer Tanz in Bestform.

In Kombination mit der wirkungsvoll abwechslungsreichen, mal rhythmisch drängenden, mal verträumt klimpernden Musik, den leuchtenden Farben und Formen auf der Bühne und ihren Schattenspielen an der Wand ist das einfach ein großer Genuss. „Dame un segundo“ – eine aufregende, wertvolle Sekunde, die die anmutige Verletzlichkeit des Körpers feiert: euphorisch, ergreifend, exzellent.