Sie werden nie davon erfahren

Sie werden nie davon erfahren

Eine Anweisung, ein Bus, eine Reise ins Unbekannte: „Regie 2“, ein Readymade von Monster Truck

(SPOILERWARNUNG: Im nachfolgenden Text werden einige wesentliche Überraschungen von „Regie 2“ verraten – die Pointe allerdings nicht.)

„Eine weitere Perfomance, die das Machtgefüge umkehrt, Menschen mit Behinderung die Regie überlässt und guckt was passiert.“ Mit dieser Erwartungshaltung im Gepäck besuchen an diesem Abend vermutlich die meisten der Zuschauer die Performance von Monstertruck. Sie sollten sich alle noch wundern. So auch ich.

Noch 900 Zuschauer mehr

Ausgestattet wie für eine Weltreise mache ich mich mit meinem Trekkingrucksack auf den Weg durch den Großstadtdschungel Berlins zu „Regie 2“. 30 Kilo auf meinem Rücken, ein weiterer Rucksack vor dem Bauch, komme ich mir vor wie ein Maikäfer, der hilflos auf dem Rücken landet, sobald er seine gebückte Haltung aufgibt. Ich schleppe mich von U-Bahn zu Bahn, an Menschenmassen vorbei bis zu den Sophiensaelen. Ziel erreicht? Denkste.

Rucksack im Foyer abgegeben, Blogkollegin Theresa gefunden, Karten abholen, Durchatmen. Denkste.

Einlass. Zusammen mit verdächtig wenig Menschen finden wir uns im Zuschauerraum ein. Vor uns eine leere Bühne, kein einziges Requisit, nur eine Leinwand, die mitten im Raum hängt. Um uns herum gefühlt 100 Plätze frei. „Doch nicht ausverkauft?“, wundere ich mich. Denkste. Es sollen noch ungefähr 900 Zuschauer mehr werden, nur werden diese nie davon erfahren.

Saallicht aus. Leinwandtext an.

„Herzlich willkommen zu Regie 2“ heißt es da. Nach einigen einführenden Worten zu NO LIMITS dann der Satz: „Wir wollen heute Abend kein Stück mit Darstellenden mit Behinderung zeigen.“

„Warum hast du mir das nicht vorher gesagt?“

Verwirrtes Murmeln aus der Reihe vor mir. Auf der Leinwand bekommen wir nun die Anweisung den Saal zu verlassen und vor den Sophiensaelen in einen Bus zu steigen. „Die RegiesseurInnen dieses Abends wissen nicht, dass sie Regie 2 inszenieren werden“, heißt es noch. Dann geht das Saallicht an.

maditha

Die Autorin und ihr Rucksack beim Warten auf den Bus © Theresa Gindlstrasser

Nach und nach erheben sich alle von ihren Plätzen. Die einen mürrisch, die anderen belustigt. Allen steht Verwirrung ins Gesicht geschrieben. Eine Frau greift sofort zum Handy: „Warum hast du mir das nicht vorher gesagt? Von einem Bus hast du nie was erzählt!“, keift sie. Theresa und ich grinsen uns an. Schon lustig, wie starr manche Menschen in ihrer Sichtweise von einem Theaterabend verankert sind. Vor allem bei einem Abend, bei dem von vornherein klar war, dass er mit konventionellen Vorstellungen brechen würde.

Mir fällt mein Rucksack wieder ein. Bis wohin muss ich den jetzt wohl schleppen? „ Eine ganz andere Form von Behinderung“, denke ich und muss schmunzeln. Also verwandele ich mich wieder in den Maikäfer von vorhin und stapfe Theresa hinterher vor den Eingang der Sophiensaele.

Wer wird inszeniert?

Die Stimmung ist gut. Noch. Aufgeregt wird spekuliert. In „Regie“ wurde das Strippenziehen drei Menschen mit Downsyndrom überlassen. Dadurch entstanden Fragen, die die bislang in Stein gemeißelten Verhältnisse von Macht und Verantwortung in der Institution Theater zum Einsturz brachten. Wie würde „Regie 2“ dieses komplexe Fragenkonstrukt fortspinnen? Wer sind die RegisseurInnen, wer wird inszeniert?

Wir steigen in den Bus, schnattern durcheinander. Wohin geht die Reise? Sie, liebe LeserInnen, werden es an dieser Stelle nicht erfahren. Wir wollen nicht spoilern. Nur so viel: Nach Readymades von Boris Nikitin, der an den Münchner Kammerspielen ein Intendantenvorsprechen zur Inszenierung erklärte oder Rimini Protokoll, die 2009 die Hauptversammlung der Daimler AG zum theatralen Phänomen erklärte, ist „Regie 2“ zwar keine Weltneuheit, aber schafft es dennoch, mit klaren Rollenzuschreibung zu brechen und uns mit einem Augenzwinkern an der Nase herumzuführen. Uns, und daneben noch ungefähr 900 weitere, die nie erfahren werden, dass sie nicht nur Zuschauer, sondern Teil einer Inszenierung waren.