Süße Höllenqualen

Süße Höllenqualen

Die Tiger Lillies rocken mit Struwwelpeter-Songs das Kesselhaus

Klirrend kalter Wind streift um dunkle Häuserecken, leise Katzenpfoten trippeln über verlassene Straßen – Schlagzeuger Adrian Huge spürt diese Geräusche behutsam auf und treibt sie mit einem stakkatoartigen Rhythmus schelmisch grinsend vor sich her und dem Sänger Martyn Jacques direkt in die Arme. „Crack of Doom“, so heißt das Lied, mit dem die Tiger Lillies zum Abschluss ihres Konzertprogrammes „Shockheaded Peter and other nasty songs“ im Kesselhaus noch einmal die Dämonen der Nacht heraufbeschwören. „Don’t worry – it will all end soon!“, verspricht uns Jacques. Noch nie hat ein Publikum im Angesicht seiner baldigen Verdammnis so sehr applaudiert.
Vielleicht liegt es an der feinen Ironie, die in Jacques beeidruckend vielschichtiger Stimme mitschwingt, vielleicht an der lustvollen Unverfrorenheit, mit der er uns den Gestank unserer eigenen Verwesung ins Gesicht haucht. Er raubt dem Tod seine erhabene Würde, seine Unantastbarkeit.

Ja, die Tiger Lillies locken den Tod in vielen ihrer Songs herbei – auch „My last breath“ zählt dazu – und laden ihn auf einen flotten Polkatanz ein, der von Kontrabass und Akkordeon begleitet wird. Sie präsentieren eine seltsame Mischung aus Gypsy-Jazz und bunter Jahrmarktsmusik – Lieder, als wären sie von Kurt Weill komponiert, sturzbesoffen und nach fünf durchgemachten Nächten…

Wie sie so auf der dunklen Bühne stehen, in Nebelschwaden gehüllt und von je drei Scheinwerferkegeln gespenstisch beleuchtet, muten die drei Bandmitglieder – allen voran Martin Jacques mit seiner bunten Clownsfratze – selbst wie Dämonen der Nacht an. Sie locken die Zuschauer an die verborgensten, dunkelsten Winkel ihrer eigenen Seele, doch anstatt vor Angst zu erstarren, verspüren diese den Drang, selbst in garstiges Gelächter auszubrechen. Weil es eben auch befreiend ist, alle Vorsicht und allen Anstand über Bord zu werfen, einmal keine Angst vor dem Tod zu haben.

Und so erscheinen auch die Struwwelpeter-Geschichten, die einen bedetenden Teil des Konzertes ausmachen, nicht mehr als warnender Aufruf zu anständigem Verhalten, sondern kehren sich in ihr Gegenteil um. Besonders in der sehnsüchtigen Ballade vom „Flying Robert“: Hier wird das Publikum nicht mit erhobenem Zeigefinger dazu angehalten, sich bei Sturm und Regen zuhause einzuschließen. Viel eher verleiht die Ballade dem Unwetter eine seltsame Anziehungskraft. Man bekommt Lust darauf, sich vom Sturm ergreifen und wegtragen zu lassen – selbst wenn der Sturm einen am Ende erst in der Hölle wieder absetzt. Schließlich ist es durchaus wahrscheinlich, dass man hier die Tiger Lillies wieder trifft. Und wer weiß, vielleicht spielen sie in der Hölle sogar gratis.