Über Leben

Über Leben

Rimini Protokolls „Qualitätskontrolle“ im ausverkaufen HAU 2

Ihre ersten Worte gelten dem Tod. „Wir fangen mit dem Ende an“, sagt Maria-Cristina Hallwachs. Sie ist vom Hals an querschnittsgelähmt, seit sie als junge Frau kopfüber in ein viel zu flaches Schwimmbecken sprang. Vor ihrem Unfall hat sie sich so ein Leben nicht vorstellen können. Jetzt beschreibt sie, wie lange sie ohne Hilfe und Hilfsmittel überleben würde. Nicht lang.

Mitten ins Tor

Doch was jetzt in „Qualitätskontrolle“ des Performance-Kollektivs Rimini Protokoll folgt, ist keine Mängelliste, sondern eine eineinhalbstündige Liebeserklärung ans Leben. Mit geschickt aneinandergefügten Puzzleteilen stellt Hallwachs sich und ihr Leben vor. So bittet sie ihren Pfleger Admir, die Frequenz ihres Zwerchfellschrittmacher auf 17 Mal pro Minute zu erhöhen, weil sie aufgeregt ist – ohne könnte sie nicht atmen. Und weil sie nur ihren Kopf bewegen kann, bittet sie ihre Assistenten, die passenden Gesten auszuführen. „Ich brauche Leute die ich anleiten kann.“

Einmal spielt sie mit Admir sogar Fußball. Dazu präpariert er ihren Rollstuhl mit einer Art Schneepflug von Adidas. Sein Tor steckt er mit blauen Hütchen ab, ihres mit knall-orangenen. Damit Chancengleichheit garantiert ist, muss Admir sich die Augen verbinden. Sie schiebt den rasselnden Fussball mit dem Rollstuhl mehrfach ins Tor – und gewinnt.

Tatwaffe: ein Pool

Anders als beim Schiffeversenken mit ihrer Assistentin Timea – drei Schichten gibt es täglich, weil Hallwachs immer auf Hilfe angewiesen ist, die die Krankenkasse zahlt. Im stilisierten Nichtschwimmerbecken, das die Bühne in mehrere Ebenen teilt, spielen sie auf einem projizierten Spielfeld Schiffeversenken. Danach erzählt sie vom Unfall: “Meine Tatwaffe war ein Pool auf Kreta…”

QUALIT€TSKONTROLLE Regie Rimini Protokoll

© Rimini Protokoll

Ist ein Leben in einer solchen Abhängigkeit noch lebenswert? Um diese Frage dreht sich der Abend, so wie es nach dem Unfall und vergbelichen Heilungsversuchen des Genickbruchs eine Ethikkommission beschäftigte. Die beschloss, Hallwachs selbst entscheiden zu lassen. Man lässt sie aus dem Koma erwachen. Da hat sie schon die Ethikkommission, das Mitleid, die Prognosen, die Gutachten und ein rätselhaftes Koma überlebt. Es gehört zu den vielen bewegenden Momenten des Abends, als sie davon erzählt, dass sie ihre Antwort derart heftig flüsterte (mehr Volumen hatte damals ihre Stimme noch nicht), dass ihr die Ärzte erst einmal eine Beruhigungsspritze verpassten: flüstert sie: “Natürlich will ich leben.”

Zu Beginn des Stücks wünscht sich Hallwachs in einer Plastikblase durchs Leben zu bewegen, um den Menschen näher zu kommen. Zum Ende erfüllt sich dieser Wunsch und eine begehbare Blase bläst sich auf und nimmt das gesamte Nichtschwimmerbecken ein. Rimini Protokoll projizieren Hallwachs bei einem Segelflug auf die weiße Hälfte der Blase. „An meinem Rücken ein Fallschirm, den ich notfalls nicht auslösen könnte“, sagt Hallwachs mit dem entspannten, humorvollen Unterton, mit dem sie das Publikum bereits durch den ganzen Abend geführt hat.

Kein Argument

Immer wieder stellen Hallwachs und Rimini Protokoll generelle Fragen zum Thema Leben mit Behinderung, erzählen von den Kosten, erinnern an die Euthanasie der Nazis – was dramaturgisch dadurch gut funktioniert, weil Hallwachs einzige Schwester geistig behindert ist. Am Ende allerdings wirkt der Versuch deplatziert, diese Überlegungen zu einer kompakten Gesellschaftskritik auszuweiten, weil sie Hallwachs Erzählung keinen Mehrwert beifügt.

Während des Abitreffens 20 Jahre nach dem Abschluss, umringt von lauter Menschen, die nahtlos in die Fußstapfen ihrer Eltern treten, fragt sie sich, ob sie mit ihren Gegenübern tauschen möchte. Sie hält inne: „Wahrscheinlich eher nicht. Sich etwas nicht vorstellen zu können, ist kein Argument für oder gegen etwas.“ Was dieser Abend eindrucksvoll beweist.