(Un)Sichtbare Grenzen

(Un)Sichtbare Grenzen

„Portiernia“ vom Teatro Osmo Dnia im Ballhaus Ost

Wummernde Elektrobeats, zuckend blaues Scheinwerferlicht und ein Türsteher, der nur all jene hereinlässt, die jung, schön und optimistisch sind – im Stück „Portiernia“ (Pförtnerloge) des Teatro Osmo Dnia wird die Gesellschaft im postsozialistischen Polen als exklusiver Tanzclub präsentiert. „Heute feiern wir ein Fest!“, verspricht der Pförtner (oder Türsteher) zu Beginn der Aufführung breit grinsend. „Heute wird die Pforte zwischen der alten und der neuen Welt ein für allemal geschlossen!“
Stammelnd berichtet eine alte Dame, dass sie nach dem Angriff auf Tschernobyl ein totes Kind zur Welt gebracht habe. „Ich selber habe überlebt. Wozu, frage ich mich?“, flüstert sie. Der Pförtner will ihr den Zugang zur neuen Welt nicht gewähren. „Vergessen, vergessen, vergessen!“, fordert er lautstark – und wenig später präsentieren die beiden einen scheinbar heiteren Cheerleader-Tanz.

© Michael Bause

© Michael Bause

Der kurze Dialog ist eine der wenigen Sprechszenen in dem 50-minütigen Stück. Ansonsten werden vor allem einzelne Szenenfragmente präsentiert. Die fünf Schauspieler prallen aufeinander und schubsen einander weg, als wären sie Autoscooter. Menschen, die sich im zuckenden blauen Licht mit Yogaübungen zu beruhigen versuchen, die sich selber gut zureden, wiederholen den Satz „Es ist wichtig, Spaß zu haben!“, bis er ihnen im Gedächtnis hängen bleibt. Dann folgt ein Aufmarsch von Politikern mit schlecht sitzenden Perücken, denen das Wort „Terrorismus“ in Form blutigen Schaumes aus dem Mund quillt, sodass sie sich hinterher mit weißen Spitzenservietten das Gesicht abtupfen müssen wie nach einem schwer bekömmlichen Mahl.

Diese Szenen sind prägnant und erschaffen das Bild einer fragmentierten Gesellschaft, in der sich Einzelkämpfer krampfhaft darum bemühen, ihr Leben zu genießen und die Vergangenheit zu vergessen. Politik funktioniert nurmehr als skurriler Maskenball, auf dem geübt wird, wie man die Angst vor dem Terrorismus am effektivsten verschärfen kann.

Raschelnd fällt schließlich ein halb-transparenter Vorhang von der Bühnendecke herab. Und noch einer. Und noch einer. Hinter den Vorhängen spazieren wie in weiter Ferne schemenhafte Gestalten herum, ohne einander anzusehen. Ab und an bleiben sie verunsichert stehen und spähen in Richtung Publikum, scheinen dieses aber nicht erkennen zu können – auch diese beklemmende Schlusszene transportiert eine eindeutige Botschaft: Eine Eisenpforte ist gar nicht mehr nötig, um die Vergangenheit von der neuen Welt abzugrenzen und um diejenigen auszuschließen, die sich nicht als jung, schön und optimistisch präsentieren. Der Wille dazu ist in den Köpfen selbst verankert.

© Michael Bause

© Michael Bause

Es ist beeindruckend, wie es dem Teatro Osmo Dnia gelingt, unsichtbare Grenzen sichtbar zu machen – in ihrer Unsichtbarkeit. Viele der Szenen wirken in ihrer schnellen Abfolge aber auch überfordernd, wenn nicht gar erschlagend. So, wie wir auch im Alltag unter einer Bilderflut begraben werden und uns vergeblich darum bemühen, lose herumfliegende Puzzlestücke aneinander zu reihen. Wir würden auch im Alltag den rasend schnellen Zeitstrudel, in dem wir uns vorwärtskämpfen, gerne einmal anhalten. Doch aus Angst, etwas zu verpassen, hecheln wir weiter – und berühren die Flut an Ereignissen doch nur mit den Fingerspitzen, ohne jemals wirklich daran teilzuhaben.

Das Teatro Osmo Dnia intensiviert dieses Gefühl des Überfordert-Seins und rückt es uns somit deutlich ins Bewusstsein. Schade, dass dabei so viele Szenenfragmente dem Vergessen geweiht sind.