Verlegenheitsakte

Verlegenheitsakte

Als DJane bei der Democratic Disco – ein Erlebnisbericht

VORHER DJing ist ein Akt von großer Selbstüberzeugung. Man geht davon aus, dass alle Anwesenden sich nichts Schöneres vorstellen können, als die Musik des DJs zu hören. 2:45 bis 3:00 Uhr. Eine Ewigkeit. Während der 15 Minuten bei der NO LIMITS Democratic Disco im Kesselhaus werde ich dem Publikum meine Musik zumuten (müssen). Selbst findet man seine Musik stets tanzbar, großartig, hip – schlichtweg wunderbarst. Doch wie sehen das die anderen? Mit dieser Frage sollte man sich vor seinem Auftritt besser nicht auseinandersetzen – es verunsichert ungemein. Ich trinke mir solange Mut an, bis ich übermütig werde.

Eigentlich muss man sich nur hinters DJ-Pult pflanzen und Musik auflegen. SEINE Musik – und darin liegt auch genau das Problem. Der eigene Musikgeschmack ist immer etwas Persönliches. Nicht selten ist man eingeschnappt, wenn über die eigene (Lieblings-)Musik hergezogen wird. Ob meine Musik unterhält oder nicht, liegt also in meiner Verantwortung und ist davon abhängig, ob mein Musikgeschmack den der Anwesenden trifft. Tanzt das Publikum nicht, ist das persönlich.

NACHHER Aber die Leute tanzen, singen und johlen zu Indeeps „Last Night a DJ Saved my Life“, als wäre ich ihr Lebensretter. Danke Freunde. Die Musik kommt also an. Aber was tut ein DJ, während seine Musik gut ankommt? Ich starre verlegen auf meinen Bildschirm, auf dem sich nicht viel ereignet. Meine Playlist musste ein einziges Kriterium erfüllen: Tanzbarkeit. Ich zähle die Titel durch, schaue, wie lange die Einzelnen dauern, überlege mir, welcher am Besten auf den Jetzigen passt. Aber mit den sanften Übergängen wird das nichts, dafür bin ich schlichtweg zu ungeübt und neu im Business.

DJane Elena in Aktion

DJane Elena in Aktion © privat

Dass ich ein Newcomer bin, erkennt man unter anderem daran: ‚DJ Elena Enja Lynch‘ leuchtet in roten Buchstaben auf einer Anzeigetafel Richtung Tanzfläche. Ich muss mir zweifellos einen szenengerechten Namen überlegen, sollte zu einer Wiederholung meines DJtums kommen. DJ EEL vielleicht? Zur Abwechslung ein absichernder Blick auf die Tanzfläche. Es ist nach wie vor Bewegung zu erkennen. Mein Blick gleitet zurück auf den Bildschirm. Ein klarer Verlegenheitsakt – dieses In-Den-Kasten-Starren. Aber was soll ich sonst tun? Etwa zu meiner Musik tanzen und somit mich selbst feiern? Ich bin dagegen und mach’s trotzdem. Ein weiterer Verlegenheitsakt.

Als wäre es der Selbstüberzeugung nicht genug, tanze ich zu meiner Musik und demonstriere, wie wunderbar tanzbar sie ist. Währenddessen versuche ich dem Auge der Kamera zu entfliehen, die mein Gesicht in Übergröße über die Bühne projiziert. Es ist nicht zu vermeiden, auch wenn es schrecklich ist. Mit drei Fünf-Minuten-Liedern sind 15 Minuten keine Ewigkeit. Meine anfängliche Nervosität ist verflogen. Weil alle Anwesenden selbst auch aufgelegt haben oder es noch müssen. Und weil ich mit allen Anwesenden per Du bin, sie also alle kenne, weil sie in irgendeiner Art im Festival NO LIMITS verwickelt sind.

Die DEMCRATIC DISCO gleicht also eher einer privaten Familienparty im kleinen Rahmen – und vor seiner Familie braucht man sich nicht zu schämen, auch nicht für seinen Musikgeschmack. Der Gong ertönt, ich habe meine 15 Minuten erreicht und DJ EEL denkt: nochmal! Aber das Aux-Kabel wird aus meinem Laptop gerissen (so viel zu sanften Übergängen) und in einen ungeduldigen schwarzen iPod gesteckt. Es ertönt Beyoncé – und ich frage mich, ob man sich vielleicht nicht doch für seinen Musikgeschmack schämen sollte, Familie hin oder her. Ich schmunzle selbstgerecht.