W wie Wackelpudding

W wie Wackelpudding

„heteronomous male“ und „my body, your pleasure“ von Michael Turinsky als Doppelabend

Wenn ein Theater-Abend ein Doppel-Abend ist, dann ist dieser Theater-Abend mehr als die Summe seiner Einzel-Produktionen. Mehr, das meint die Tatsache, dass vor dem Horizont eines Doppel-Abends die jeweilige Einzel-Produktion in einen gemeinsamen Rezeptionszusammenhang tritt. Wenn nun Michael Turinsky bei No Limits im HAU3 zuerst sein Solo „heteronomous male“ aus 2013 und nach einer Umbaupause das Gruppenstück „my body, your pleasure“ aus 2014 zeigt, dann wird die jüngere der beiden Produktionen zur schlüssigen theoretischen Weiterentwicklung der älteren.

Turinsky, ein in Wien situierter Choreograph, Tänzer und Theoretiker mit körperlicher Behinderung, thematisiert in seinem 30-minütigen Solo sich selbst als widerspenstiges choreographisches Material. Während er sich über die leere Bühne nach vorne wälzt, wechselt sich unwillkürliches Wackeln mit entschiedenen Positionen ab. So wird der scheinbare Widerspruch zwischen Tanz als einer Kunstform mit hohem Interesse an Beherrschung, Kontrolle und Verfügbarkeit und dem konkreten Körpers Turinskys nicht erst mit seinem theoretischen Kommentar etabliert. „In welchem Maß kann die Nähe des behinderten Tänzers zum Boden als Kritik der phallozentrischen Vertikalität formuliert werden?“, fragt er da zum Beispiel und richtet sich schelmisch lächelnd auf den Knien in die Höhe. Die so präzise wie vielschichtige Auseinandersetzung mit der Möglichkeit von Widerstand endet mit Bewegungen, die aus einem BDSM-Kontext kommen könnten.

06 Michael Turinsky_HETERONOMOUS MALE 4_Foto Franziska Fuchs

Michael Turinsky in seinem Solo © Franziska Fuchs

Nämlich auf den Knien, mit den Händen über dem Kopf, wie gefesselt, verschränkt. Oder mit gespreizten Knien sitzend, den Kopf mit offenem Mund in den Nacken gelegt. Auf genau dieses Bewegungsrepertoire zwischen Ausgeliefert-Sein und Lust-Forderung wird in „my body, your pleasure“ zurückgegriffen. Während Turinsky hier hauptsächlich als DJ agiert, probieren Alja Ferjan, Leon Maric, Raphael Michon und Manaho Shimokawa in nur lose aneinander gereihten Sequenzen das Wackeln Turinskys als Vokabular für Sexyness und Sex. Die Verbindung einer behinderungsspezifischen Bewegung und popkulturellen Phänomenen wie dem Twerking ist eine entwaffnende. Die Frage „Könnt ihr euch mich als potentiellen Sexual-Partner vorstellen?“ setzt dieser Verbindung eine provokante Spitze auf.

Doch das Bühnenbild ist voller Tücken. Mit High-Heels auf Holz-Paletten gehen? Das sieht nach einer unbedachten, ungeübten Halsbrechaktion aus. Auf mit Wackelpudding verschmiertem Boden tanzen? Das sieht schon wieder nach so einer unbedachten, ungeübten Halsbrechaktion aus. Vielleicht auch deshalb endet das Stück mit dem Kapputt-Twerk-Wackeln der bunten Boxen, die bis dahin den Raum nach hinten begrenzten. Die Rache der Performenden. Weil: Um als Bild für die Gleichzeitigkeit von Zerstörung und Befreiung herzuhalten, ist das nämlich deutlich zu platt.

Was nun den gemeinsamen Rezeptionszusammenhang der beiden Produktionen angeht, so gibt es im Übergang von „heteronomous male“ zu „my body, your pleasure“ einen Aufmerksamkeits-Zoom. Das für den Choreographen Turinsky spezifische unwillkürliche Wackeln ist für beide Stücke zentral, erfährt aber eine Bedeutungsverschiebung. In „heteronomous male“ als Merkmal einer auch selbstermächtigenden Widerstandspraxis gegen Kontrollmechanismen wird es in „my body, your pleasure“ in den individualisierten Kontext der Sexualität gestellt. Dass dieser Theater-Abend ein Doppel-Abend ist, vermag jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass da eine starke und eine schwache Einzel-Produktion zu sehen ist.