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Bei der „Democratic Disco“ – Bericht eines Durchhalters

Es ist 11.57 Uhr, als ich das erste Mal aufwache. Die vergangene Nacht rauscht noch sanft durch Körper und Kopf – mit schmerzfreien Lücken. Wie ich nach Hause gekommen bin, daran kann ich mich nur noch vage erinnern. Die letzte Notiz datiert auf 3.44 Uhr: Voll gegen die Tür gelaufen! Das war kurz vor meinen 15 Minuten DJ-Ruhm. Drei Leute haben zu meiner Musik getanzt – und die kannte ich alle. Vor mir als letztem Act war aber definitiv auch schon mal mehr los bei der Democratic Disco im Kesselhaus.

NO LIMITS - Internationales Theaterfestival 2013

Auf dem Democratic-Disco-Dancefloor © Holger Rudolph

Das NO LIMITS lud zur Volksvollversammlung und tanzte ab zur Musikfreiheit. Jeder Mensch durfte mal ran ans DJ-Set. Jeder Mensch ein DJ, sofern er ausreichend Lobbying betrieben hatte und Teil der Interessensgruppe Democratic Disco war. Bei der großen DD-Sause gestern Abend im Kesselhaus durfte im Viertelstundentakt jeweils ein neuer DJ die Tanzfläche zum Abheben bringen. Ein Abend, an dem sich guter und beschissener Musikgeschmack die Hand reichten und es zumindest immer eine Person gab, der die Musik gefiel – vorzugsweise der DJ und die DJane selbst. Aussortiert und abgestimmt wurde hier nicht.

Ausgrenzungen waren ohnehin nur bei Zigarettenverschnaufpausen im freien nächtlichen Berlin zu beobachten. Während draußen auf dem Gelände der Kulturbrauerei Menschentrauben vor dem Soda Club, der Alten Kantine und dem 23 in eisiger Kälte erstarrten, gab es im Kesselhaus ausreichend Bewegungsfreiheit und Raum für neue Dancemoves. Hier stieß man sich an nichts und niemandem. Spätestens als Joe, Jack & John um 1.29 Uhr auf der Bühne abgehen, zirpt und basst es nur noch so, dass die Lautsprecher verzweifeln. Die Disco wird zum Club. Die Leute verlieren endgültig den Boden unter den Füßen. Und allen, die kein Kreuzchen gemacht haben oder sich für den falschen Club entschieden, gratulieren wir zu ihrer Wahlniederlage.