Wahr oder falsch?

Wahr oder falsch?

„Dançando com a Diferença“ am HAU als Eröffnungsgsveranstaltung des NO LIMITS Festivals

Nebel wabert über der leeren Bühne, auf deren Boden Lichterketten ausgebreitet sind – als sei ein sternklarer Nachthimmel hier ausgeschüttet worden. Vorsichtig mit den Füßen tastend sucht sich ein Mann – zunächst nur als Schatten erkenntlich – vom hinteren Bühnenrand her den Weg nach vorn.

„Für mich besteht kein Unterschied zwischen Tag und Nacht“, spricht er mit sanfter Stimme ins Mikrofon. „Eines Tages ist es passiert.“ Blitzartig springen lauter aufs Publikum gerichtete Scheinwerfer an und blenden diese mit grellem Licht, sodass ihnen die Sicht für ein paar Sekunden genommen ist und sie in ein weißes Nichts starren. „Die Welt um mich herum war verschwunden.“ Mit seinem Zeigefinger deutet der Mann auf eine beliebige Person im Zuschauerraum. „Dort sitzt vielleicht ein Herr mit Schnurrbart und skeptischem Blick. Und dort eine Frau, die sich extra für ihren Theaterbesuch eine neue Frisur hat machen lassen. Ich nehme die Welt immer noch wahr – nur eben anders. Sie besteht aus meiner Imagination.“

Die Worte des blinden Tänzers leiten Rui Hortas Choreografie „Beautiful People“ ein. Ihr vorangegangen ist Clara Andermatts‘ „Levanta os Braços como Antenas para o Céu“. Zusammen wurden die Arbeiten der beiden portugiesischen Künstler im HAU als „Dançando com a Diferença“ zum Start des diesjährigen NO LIMITS Festivals gezeigt.

Inwieweit ist unser Blick heute immer von den Medien geprägt? Sind uns alle Bilder, die wir wahrnehmen, immer schon von Außen eingegeben? Ist ein Sehen möglich, das nicht – oder wenigstens nicht auf konventionelle Weise – zwischen schön und hässlich unterscheidet? Ist es vielleicht zumindest im Raum des Theaters möglich, mit den Augen eines Blinden zu sehen? Dies sind die Fragen, die von beiden Arbeiten aufgeworfen werden.

"Levantaos Braços" Foto: Júlio Silva Castro

„Levantaos Braços“ Foto: Júlio Silva Castro

In Clara Andermatts Choreographie sitzen die Tänzerinnen und Tänzer anfangs reglos auf Schreibtischstühlen. Von hier aus findet eine Bewegung hinein in eine surreale Traumwelt statt, in der die Grenzen der einzelnen Körper immer wieder verwischt werden. So umranken die Tänzer einander wie Schlingpflanzen, kriechen dicht an dicht über den Boden und heben aus ihrer Mitte zwei Tänzerinnen empor, die auf den ausgetreckten Händen wie auf Wellen treiben und sich mit rudernden, zuckenden Armen aus dem Hände-Meer emporzukämpfen scheinen. Was sehen wir, wenn wir die Augen schließen und ein Geräusch wahrnehmen, das wie prasselndes Feuer klingt? In Andermatts Choreographie sehen wir eine Tänzerin, die auf einem Rollstuhl über eine Luftpolsterfolie fährt, auf der sie durch ihre Bewegung sichtbare, schneckenförmige Spuren hinterlässt. Wir sehen, wie sie schließlich vom Rollstuhl rutscht, diesen zusammenklappt, sich im Schneidersitz auf eins von seinen Rädern hockt und sich wie auf einem Karussell herumdreht. Was erscheint in den Augen eines Blinden als Fessel – der Schreibtisch- oder der Rollstuhl?

In Hortas Choreographie steht wiederum der mitunter gewaltsame Kampf des Einzelnen um die Wahrung seiner eigenen Grenzen im Vordergrund. Immer wieder schubsen die Tänzer einander vom Rollstuhl, reißen einander das Mikro aus der Hand, als könnten sie erst durch den Ausschluss der anderen aus dem Raum des Sicht- und Hörbaren selbst Gestalt erlangen und vom Publikum anerkannt werden. „Klara hat rote Haare und eine rote Hose. Wahr oder falsch? Wahr!“, brüllt eine der Tänzerinnen ins Mikrophon wie eine aufgebrachte Politikerin, die von ihrer Meinung als der einzigen Wahrheit überzeugt ist. Gewaltsam versucht sie durch ihre Worte ein Aussehen zu erzeugen, anderen ihren Blick aufzuzwingen. „Sweet dreams are made of this…“, singen die Tänzerinnen und Tänzer am Ende im Chor. Das mutet zwar nach einem ansonsten gelungenen Drahtseilakt auf der Schwelle hinein in den Kitsch etwas zu sehr als gutgemeinter Auftritt eines Schulchors an – vor allem, da der blinde Tänzer die Lichterketten-Sterne inzwischen in den Armen hält. Doch die Frage bliebt: Woraus sind denn nun süße Träume gemacht? Was nehmen wir wahr, wenn wir die Augen schließen? Was passiert, wenn unser Sehen zum Imaginieren wird? Und was erwartet und auf der Schwelle zwischen Tag und Nacht?

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