Wenn die Masken fallen

Wenn die Masken fallen

„Just fake it“ von Joe, Jack und John aus Kanada jongliert mit Identitäten

„Wollen Sie, dass ich mich ausziehe?“ – „Ja.“ Gerade beginnt die Tänzerin, sich ihr Shirt über den Kopf zu ziehen, da klappen die drei Jury-Mitglieder schon stirnrunzelnd ihre Notizblöcke zusammen und lassen sie allein auf der Bühne zurück. „Rufen Sie uns nicht an. Wir melden uns dann…“, schicken sie ihr noch hinterher. „Es gibt kein Ich. Es gibt nur ein Ich in Bezug auf die ganzen Arschlöcher um mich her!“, sagt sie wütend.

Damit ist das Dilemma auf den Punkt gebracht, mit dem sich die Menschen auf der Bühne in der preisgekrönten Performance „Just fake it“ von Joe, Jack und John aus dem kanadischen Montreal herumschlagen. Vier Personen mit und ohne Behinderung stolpern, tanzen und irren auf der Bühne herum und geben den Zuschauern Einblicke in ihren ganz gewöhnlichen und doch maßlos skurrilen Alltag, in dem sie oftmals nur so tun als ob. Dabei wollen sie alle sich selbst im Grunde als authentisch und originell erfahren und sehnen sich danach, dass ihr unverfälschtes Selbst von den anderen gesehen und anerkannt wird.

Das einzig Authentische: unsere Narben

Wie aber kann diese Sehnsucht erfüllt werden, wenn die Realität selbst aus Lügen und leeren Versprechungen zusammengeflickt ist? Zu groß scheint die Gefahr, durch die groben Maschen hindurch ins Nichts zu fallen… Was bleibt übrig, wenn die Masken fallen? Was bleibt übrig, wenn die Tänzerin vor der unerbittlichen Jury ihre Klamotten abstreift und sich also „entblößt“?

Übrig bleibt kein nacktes Ich, sondern – wie sie selbst stolz und erbittert zugleich erzählt – ein von künstlichem UV-Licht gebräunter und vom letzten Fitnessstudio-Besuch gestählter Körper, zurechtgemacht für die Augen der anderen. Was, wenn das einzig Authentische nur unsere Narben sind, durch die wir uns als Außenseiter fühlen? Wie können wir anderen Menschen begegnen, ohne dabei die uns definierende Außenseiterposition aufzugeben?

Seine Geschichte umschreiben

Aus knallbunten und urkomischen Szenen ist die Aufführung zusammengeflickt – da werden beispielsweise aufblasbare Hunde spazieren geführt oder auch mal durch die Luft geschleudert. Da unterhalten sich Zwei „Freundinnen“ im Sonnenstudio, wobei die eine aber nur in Form von Song-Zitaten spricht: „Don’t worry, be happy!“ sagt sie und erntet dafür einen skeptischen Seitenblick. Da verspricht eine Wahlkämpferin ihren Wählern mal eben den Weltfrieden. Da trifft eine einsame Frau im schicken italienischen Restaurant ihr Blind-Date, wobei sie enttäuscht ist von dessen Glatzköpfigkeit – auf seinem Online-Foto hatte er eine Mütze auf…

Durch dieses schillernde Netz purzeln die Schauspieler jedoch (zum Glück) immer wieder hindurch und versuchen, fernab des Spektakels ihre ganz eigene Geschichte zu (er)finden: „Als ich ein kleiner Junge war, bin ich mal mit meinem Bruder ins Ferienlager gefahren“, erzählt anfangs ein ältlicher Mann in schlecht sitzenden Klamotten, die sein herabhängendes Bäuchlein betonen. „Da sollten wir dann im See schwimmen. Aber ich wollte nicht…“ Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Ich kann nicht schwimmen…“ Später stülpt er sich eine kallrote Badehaube über, legt sich bäuchlings auf einen Tisch, steckt seinen Kopf in eine darauf stehende Waschschüssel, gurgelt darin herum und rudert dabei mit den Armen. Am Ende erscheint er mit Locken-Perücke und engem Kleid auf der Bühne und schreibt seine Geschichte um: „Als ich ein kleines Mädchen war…“, lautet nun ihr Anfang. Schade nur, dass diese neue Geschichte im hysterischen Gelächter des Publikums untergeht.

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