Wie Regentropfen in der Themse

Wie Regentropfen in der Themse

„Fat“ von und mit Pete Edwards musste ausfallen – ein Video und der Regisseur vermittelten dennoch einen verstörend intensiven Eindruck von der Performance

Eigentlich sollte die Einladung von Pete Edwards Performance „Fat“ zu einem der Höhepunkte von NO LIMITS werden – kurzfristig musste es wegen einer Erkrankung des Künstlers abgesagt werden. Stattdessen wurde die Videoaufzeichnung der Performance gezeigt für alle, die von der Absage nicht rechtzeitig erfahren hatten: Das waren vier Leute des Festival-Teams und drei Zuschauer_innen, wobei eine stillschweigend mitten im Video verschwand und nie wieder zurückkehrte.

Ein Körper, der ständig in Bewegung ist

Es ist etwas anmaßend darüber zu spekulieren, warum sie ging. Gründe dafür gibt es in „Fat“ wie Regentropfen in der Themse – es ist eine der krassesten Performances des Inklusionstheaters. Von der South Bank in London über die Millenium Bridge bis zum Globe Theatre zieht sich Londons zentraler Fluss wie ein roter Faden durch die Performance. Im Hintergrund flackern Projektionen, die das Bühnengeschehen visualisieren. Edwards sitzt auf einem runden Spot im Rollstuhl und rudert mit den Armen in alle Richtungen: Sein Schatten fällt auf die Leinwand im Hintergrund und es scheint, als würde er in der Themse schwimmen.

„Fat“ ist ein nächtlicher Spaziergang durch London, (alb-)traumhaft fließen Sehnsüchte und Sexualität zwischen Projektionen, Bühne und Sinuswellen ineinander – soweit nichts Neues im Kunstbetrieb. Edwards ist schulmedizinische gesehen gesund. Und dennoch wurde ihm sein Berufswunsch Schauspieler lange verwehrt. Nicht (nur) weil er im Rollstuhl sitzt (Oder kennen Sie Hamlet – verkörpert von einem Schauspieler im Rollstuhl?). Sondern weil Edwards Körper ständig in Bewegung ist. Sein Gehirn und Rückenmark stehen in einem Verhältnis, das übermäßige, unwillkürliche Muskelreaktionen nicht verhindern kann. Auch die Sprechmuskulatur ist betroffen, wodurch Edwards nur eine langsame, undeutliche Artikulation möglich ist, sein Kopf hin und her schwankt und sein Gesicht krampfhaft Grimassen reißt. In Edwards alltäglichem Leben gibt es keine kategorische Trennung zwischen Kontrolle und unwillkürlicher Bewegung. Es geht darum, sich mit dem Unwillkürlichen zu bewegen, sich um es herumzubewegen, um das Unkontrollierbare in seinen Möglichkeiten zu kontrollieren.

Jetzt wird er ruhig!

Edwards’ Zentrales Nervensystem ist erkrankt, nicht aber der Mensch Edwards. „Ich betrachte meine Figur nicht als behindert“ – so zitiert Regisseur Michael Achtmann im anschließenden Gespräch den abwesenden Künstler. Für uns Zuschauer war Edwards Spastik aber eine Herausforderung der Sehgewohnheit. Ein Körper in ständiger Unruhe, dem man ein Innehalten wünscht. Diese Perspektive ist verdreht, ja. Das eigene Unbehagen verlangt den Stillstand des Unwillkürlichen, weil wir es als anstrengend und irritierend wahrnehmen. Bei manchen setzte nach wenigen Minuten der Gewöhnung die Analyse ein: Welche Bewegungen sind kontrolliert? Ist die Figur nun der „Fish Darkness“ aus einer der Fantasien Edwards‘ und imitiert dessen Bewegung schwimmend durch die Themse? Andere fühlen sich durch ein weißes Tuch beruhigt, das einmal über den (fast) nackten Körper Edwards gebreitet wird und den enervierenden Bewegungsreiz verhüllt. Augenbinde und Schutzkopfhörer nehmen Edwards in einer anderen Szene zwei Sinneswahrnehmungen und verleiteten zu dem absurden Gedanken: Das ist der Trick! Jetzt wird er ruhig!

„Fat“ zeichnet sich durch eine surreale Doppelung aus. Die Geschichte eines Mannes, dessen Herzenswunsch es ist, einen fetten Mann kennenzulernen, mit ihm Essen zu gehen und glücklich weiterzuleben – während wir als Zuschauer vordergründig von der Unmöglichkeit ausgehen, dass ein Spastiker, wie wir ihn in Pete Edwards sehen, ein solches Leben je haben könnte. Würden alle so denken, wäre Pete Edwards nie Schauspieler geworden und ein wichtiger Beitrag zur Entgrenzung der Künste verloren gegangen – selbst wenn wir hier nur von Eindrücken aus einer Videoaufzeichnung berichten können.