Wie Zoobesucher

Wie Zoobesucher

Nach der Performance „Mental“ von the vacuum cleaner hat das Kritiker-Duo Deborah-Maditha und Evelyn im Facebook-Chat Resümee gezogen. Hier die Gesprächschronik.

(SPOILERWARNUNG: Wenn Sie „Mental“ noch besuchen wollen, sollten Sie die Lektüre u.U. auf später verschieben.)

Evelyn [01:27]: Hallo Maditha, wie war der Abend heute für dich?

Deborah-Maditha [01:28]: Gemischte Gefühle, muss ich sagen. Bei dir?

Evelyn [01:35]: Ich bin total berührt. Das war der Wahnsinn, wie er da, auf dem Bett liegend, seine Geschichte erzählt hat, mit den Selbstmordversuchen und den ganzen Klinikaufenthalten. Das ging mir total nah.

Deborah-Maditha [01:38]: Okay, mich hat das merkwürdigerweise nur teilweise abgeholt. Obwohl die ganze Performance ja schon sehr darauf ausgelegt war, mit der intimen, privaten Face-to-face-Atmosphäre: ein Publikum von nur 20 Zuschauern in einem Zimmer mit Bett, Schreibtischlampe, Pappkarton, Plattenspieler und Overhead.

Evelyn [01:40]: Ja, das war total gemütlich! Bei den Leuten in der Wohnung, mit Tee und Kuchen…aber als man dann erfahren hat, wieso es diesen Kuchen gab, war das irgendwie ein komisches Gefühl, findest du nicht?

Deborah-Maditha [01: 44]: Mir war schon von Anfang an unwohl in dieser Wohnung, obwohl es eigentlich gemütlich war. Man wusste ja in etwa, was einen erwartet und dann vorher so gemütlich zusammen Tee zu trinken und Kuchen zu essen, kam, glaub ich, jedem makaber vor. Deswegen war es anfangs auch so still in der Küche und die Assistentin von James, also dem Vacuum Cleaner, meinte ironischerweise: „Why are you so quiet? I’ve thought Berlin is like WOUHUUU PARTEEEY!“ Klar, als man erfahren hat, dass der Möhrenkuchen die letze Mahlzeit vor einem seiner Selbstmordversuche war, bleibt einem natürlich rückwirkend der Bissen im Halse stecken. Aber fandest du das nicht ein bisschen zu gestellt?

Evelyn [01:49]: Gestellt ist da der falsche Ausdruck. Der Abend war halt von vorne bis hinten durchgeplant. Diese „Fuck Starbucks“-Tassen, in denen der Tee war, ja genauso. Aber das war dramaturgisch gut umgesetzt. Der Kuchen hat seine Wirkung nicht verfehlt. Und das mit der Totenstille in der Küche lag einfach daran, dass uns zu Beginn gleich gesagt wurde, wir sollten rausgehen, wenn es uns zu krass wird, und dass sich dann jemand um uns kümmert. Dass wir aber auch nicht zu unpassenden Momenten aus dem Zimmer gehen dürfen, um James nicht zu verunsichern. Das hat irgendwie so ein unangenehmes Verantwortungsgefühl gestreut. Und gleichzeitig eben die Sorge, dass wir etwas psychisch total Belastendes sehen werden.

Deborah-Maditha [01:55]: Dramaturgisch gut durchgeplant – da magst du recht haben. Für meinen Geschmack etwas zu gut geplant, sodass wenig Raum für Überraschung blieb. Wenn alles so durchkonzipiert ist und man so vorgewarnt wird. Vielleicht ist das vergleichbar mit manchen Trailern, die man sich zu Stücken oder Filmen anschaut. Die spoilern auch zu viel und nehmen zu viel vorweg. Weißt du, was ich meine? Klar ist es richtig, Leute darauf aufmerksam zu machen, dass sie gehen können, wenn es emotional für sie nicht zu ertragen ist. Aber ich finde so was eigentlich selbstverständlich, oder? Und diese Anweisungen im Vorfeld haben mich zumindest zu gut auf das vorbereitet, was kam. Komischerweise hat das eher eine Mauer zwischen mir und James‘ Schicksal aufgebaut, anstatt mich seinem Schicksal emotional zu öffnen.

Evelyn [01:59]: Ich fand den Abend vor allem auch überhaupt nicht nervenaufreibend, so dass es besonders belastend für jemanden hätte sein können. Ich meine, das Thema Suizid ist natürlich ein ernstes, aber dass das Licht die meiste Zeit an war und James mit seinen divenmäßigen Gesten und der schnulzig schönen Musik fast schon entertainmentmäßig seine Krankenakte mit uns geteilt hat, hatte so eine auflockernde Wirkung.

Deborah-Maditha [02:05]: Teils teils! Ja, da war kein in Weltschmerz suhlendes Melancholie-Geplänkel. Das hat das Ganze spannend gemacht. Aber gerade diese leichtfüßige Musik in einen solchen Kontext zu setzen (einem ernsten Thema wie dem Suizid) stimmt einen doch erst Recht nachdenklich, dass muss man ihm lassen. Diese ganze positive Stimmung ließ die Performance grotesk erscheinen. Wirklich spannend!

Deborah-Maditha [02:07]: Was mir aber zum Beispiel aufgestoßen ist, ist der Teil, indem er den Karton mit den Tabletten ausgeleert hat, die er angeblich nehmen musste. Da hat er sein Leid so demonstrativ ausgestellt. Zu plakativ, fand ich.

Evelyn [02:08]: Aber diese Kritik zwischen den Zeilen war stark: „Ich nehme Tabletten, gegen meine Beschwerden und andere Tabletten, gegen deren Nebenwirkungen und für diese Nebenwirkungen dann nochmal welche…“

Deborah-Maditha[ 02:10]: Ja, aber dann hätte er besser verschiedene Medikamente als Requisite nehmen sollen und nicht so oft das gleiche von verschiedenen Pharmaunternehmen 😛

Evelyn [02:13]: Das sind Kleinigkeiten, das hat der Performance insgesamt keinen Abbruch getan. Es gab ja auch einige sehr bewegende Momente. Zum Beispiel den, als er erzählt hat, wie die Krankenschwester ihn umarmt hat, und er dabei nichts fühlen konnte. Als sie dann gesagt hat, dass es ihr sehr, sehr leid tue, dass er so einen großen Schmerz empfindet, hat er seit Monaten dann doch endlich wieder etwas gefühlt. Da hat man richtig gemerkt, wie gern er sich an den Moment zurückerinnert.

Deborah-Maditha [02:18]: Ja, das war wirklich ergreifend. Das war auch irgendwie ziemlich beklemmend, ihm dabei zuzusehen. Das hat ihn schon einiges gekostet das zu erzählen. Ich finde, man kam sich teilweise vor wie ein Zoobesucher, der einen Gefangenen im Käfig beobachtet und danach scheinheilig fröhlich wieder seiner Wege geht. Da hat die Performance voll ins Schwarze getroffen. Und spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem man seine Narben entdeckt hat, wusste man was Sache ist…

Evelyn [02: 20]: Stimmt. Ein sehr intensiver Abend. Ich glaube, ich muss da erst einmal noch eine Nacht drüber schlafen…

Deborah-Maditha [02:21]: Wenn wir damit schon so zu kämpfen haben, wie muss es erst James damit gehen… Ich habe einen jedenfalls heiden Respekt davor, dass er diese Performance Abend für Abend durchzieht.