Willkommen in der Wirklichkeit

Willkommen in der Wirklichkeit

Kerstin Grassmann und Norbert Müller über Kunst und Christoph Schlingensief, Freiheit und Agathe Chions „Ich liebe dich, du teure Freiheit“

„Normalerweise lassen wir Leute nicht so schnell in unser Haus. Man weiß ja nicht, wer da kommt und was der zuletzt mitgehen lässt“, sagt Kerstin Grassmann nach kurzer Begrüßung mit rauchtiefer Stimme. „Aber Agathe meinte, es ist okay“, fügt sie hinzu. Agathe Chion ist die Regisseurin von „Ich liebe dich, du teure Freiheit!“, in dem Grassmann und Norbert Müller groß aufspielen.

Froschkönig zwischen Puppen

Der Aschenbecher, die Feuerzeuge (fünf plus ein überdimensionales) und rote Pall Mall (ohne Zusatzstoffe), das erste, was mir als Raucher im Wohnzimmer von Grassmann und Müller auffällt. „Rauchst du?“ Bejahendes Nicken. „Ich öffne mal besser gleich ein Fenster, bevor wir nur noch im Dunst sitzen.“ Die blaue Ledercouchgarnitur ist etwas abgerückt von der Wand, damit dahinter noch Lampenschirm und Schrank Platz finden. Über die Couch ist eine grüne Decke gelegt. Die Glasvitrine gefüllt mit Teeservice in gekippter Ausstellposition, dazwischen Weingläser und Porzellankatzen. Überall finden sich kleine Tierfiguren. Auf dem Tischchen mit Blumendecke ruht ein Hündchen neben einem Topf Plastikrosen und einer Glaskugel. Auf dem Schrank reihen sich violette Hasen und Rehe, ein stolzer Hirsch, ein glitzernder Froschkönig, die gehütet werden von Puppen. Und ganz oben guckt eine Packung Teelichter hervor.

Paar-Geplänkel

Grassmann und Müller sind seit fast 16 Jahre ein Paar. „Verlobt! Heiraten wollen wir nicht.“ Kirchlich schon gar nicht. Grassmann erinnert sich nur noch leise an die Christenlehre ihrer Kindheit in der DDR – zum Essen musste ein Spruch aufgesagt werden. „Ich habe mich noch nie für die Kirche interessiert. Norbert hat mehr Ahnung von der Bibel.“ Müller setzt mit der Schöpfungsgeschichte an, bald verstehe ich ein Wort nicht, frage nach und Grassmann kommentiert: „Er spricht undeutlich, da er einen Sprachfehler hat.“ Kleine Geplänkel zwischen den beiden beginnen bereits, als ich die Wohnung betrete. Sie weist Müller schnoddrig an, endlich Kaffee zu machen – was er ohnehin schon tat. Momente wie dieser wiederholen sich in den folgenden anderthalb Stunden öfters. Momente eines eingespielt spleenigen Paares, die freimütig über alles sprechen. Grassmann gibt den Ton an, Müller ist zuständig für die Geräusche im Hintergrund. Aus der Küche der Neubauwohnung mit zwei Zimmern klimpern Tassen. Norbert wuselt dort rum, bereitet Kaffee zu und summt dazu in aller Gediegenheit.

Zwischen Theater und Wirklichkeit

Kaum auf die Zusammenarbeit mit Chion angesprochen, berichtet Grassmann in prosaischem Erzählerton, wie sie nach Wiesenfeld fuhren, einen zerlumpten, dreckigen Jean (Jean-Benoît Ugeux, der Wilde aus „Ich liebe dich, du teure Freiheit!“) dort gefunden haben, ihn mit nach Hause nahmen und ihn gewaschen und neu angezogen haben. „Er war unsere Pflege, kann man sagen, und dann hat er Arbeit im Zirkus bekommen.“ Die Übergänge von Fiktion und realem Probenprozess ist fließend, wobei Grassmann auch einen klaren Unterschied sieht zwischen Theater und Wirklichkeit: „Man muss wissen, ob etwas gespielt ist oder nicht. Im Stück gab es natürlich keine Posaunen und Trompeten im ‚Ave Maria‘-Gesang, wie ich behauptet habe. Aber hörte man genau hin, so hatte ich dann doch das Gefühl, dass da welche sind.“

Von Schlingensief in den Himmel gelobt

Mit der Idee zur meskalinrauschigen Sideshow „kam Agathe auf uns zu“. Grassmann und Müller kannten Agathe Chion bereits aus ihrer Zeit bei Christoph Schlingensief. Bei Chion regiert die Freiheit, meint Grassmann. „Bei ihr traue ich mich zu sagen, wenn es mir nicht gut geht. Sie ist wirklich eine herzige Frau, die man kein zweites Mal findet. Schlingensief war auch herzig, und das sage ich nicht nur, weil er mir manchmal Geld zusteckte.“ Man merkt es kaum, derart fließend sind die Übergänge und schon zieht einen Grassmann mit aller Offenheit in die nächste Geschichte mit. „Am Anfang dachte ich noch, der will was von mir“, kommentiert sie amüsiert. „Wie der mich immer in den Himmel gelobt hat. Immer hat er Sprüche gerissen: Ja, Kerstin ist meine beste Schauspielerin. Bei Schlingensief hat man gut gearbeitet. Der war ein guter Chef, wenn man das so sagen kann.“ Selbst wenn seine Sprüche über ihre psychische Behinderung einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen haben. „Was geht es denn die Leute an, was für eine Behinderung ich habe.“

Zwei Jahe in der Psychatrie

Immer wieder tauchen scheinbare Irrlichter auf im Gespräch. Sie stehen aber nie im Widerspruch zu Gesagtem, sondern ergänzen das Bild. Sie nehmen idealisierten Erinnerungen die Süße und erden sie.

Durch Schlingensief endeckte Grassmann das Theater. Als sie Ende der 1970er Jahre nach Berlin kam, nahm sie eine Lehrstelle in der Wäscherei der Charité an. „Ich habe es aber bereut. Ich wurde in dem Laden nur gemobbt.“ Wenig später attestierte ihr die DDR eine Behinderung „und ich bin zwei Jahre in die Psychiatrie gekommen“. Eine Zeit, in der für Grassmann auch ihr Bild der DDR zu bröckeln begann: keine Arbeitsstellen mehr, die Wirtschaft zusammengebrochen und Honeckers „Scheißpolitik“ der Selbstschussanlagen an den Grenzen. „Ich hatte mehr Krankenstempel als Arbeitsstempel. Das ist ein Zeichen, dass es mir nicht gut ging bei Honecker.“

Hippiesk-romantische Reminiszenzen

Die DDR gab es bereits nicht mehr, als „Schlingensief in Behindertenheimen rumrannte“ und Leute für sein neues Stück „Rocky Dutschke, ’68“ suchte, das den Durchbruch des eigentlichen Schlingensief-Theaters markierte. Beinahe nebensächlich erzählt Grassmann weiter: „Niemand hatte Lust und dann habe ich mir gesagt: Na jut, werde ick mal mein Glück am Theater versuchen.“ Immer auch mit der Bitte an Schlingensief verbunden, dass er es ihr sagen soll, wenn sie das nicht kann. „Zu einem Gespött wollte ich nicht gemacht werden.“

Seit geraumer Zeit dreht Müller immer wieder den Laptop in meine Richtung, bis mein Blick daran haften bleibt. Grassmann: „Dann brauch ich ja von Schlingensief nichts mehr zu erzählen, wenn ihr Bilder anschaut.“ –  „Kannst ja weitererzählen, während wir Bilder angucken“, schießt Müller zurück. Fotografie: das teure Hobby Müllers. „Und schon sitzt er wieder in der Kreide“, meint Grassmann, während Müller mir sein neues Equipment zeigt. Seine Fotografien fanden auch in „Ich liebe dich, du teure Freiheit!“ Verwendung. Sonnendurchflutet, im Wechselspiel mit Unschärfen und vertrauter Nähe malt Müller hippiesk-romantische Reminiszenzen in seinen Fotografien.

Willkommen in der Wirklichkeit

Müller ist bereits in Rente. Grassmann arbeitet in einer Behindertenwerkstatt. „67 Cent in der Stunde. Verdienst du zu viel, will das Sozialamt seinen Teil zurück. Vom Theatergeld habe ich praktisch nichts. Wir müssen darum betteln, dass wir was bekommen. Sobald du was auf dem Konto hast, holen sie sich das Geld wieder.“ Willkommen in der Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die sich die von der Gesellschaft Abgeschriebenen nicht leisten können. Eine Wirklichkeit, in der das Sozialamt mit offenen Händen auf der Bühne zu stehen scheint. „Wie oft haben wir gestreikt und vor dem Rathaus protestiert. Ausgelacht wurden wir. Was wollen die denn mit Geld, die können doch nichts – das haben sie so gesagt. Behinderte werden sofort abgeschrieben, die sind nichts wert, von denen hat man keinen Nutzen.“ Müller schaltet sich ein: „Behinderte haben genauso ihre Begabung, wie Fotografieren. Wir haben genauso Wünsche und Träume, aber niemand fragt uns. Irgendwann muss sich der Mensch auch mal fragen, was für ein Ziel hat ein Behinderter?“

Freiheit

Freiheit bedeutet für sie in einer Post-Honecker-Ära nicht nur, seine Meinung mitteilen zu können und nicht eingesperrt zu werden, sondern auch ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen. Ein schönes Leben zu haben und nicht in „kik-Klamotten rumzulaufen“, wie Grassmann anmerkt. Freiheit bedeutet, „nicht irgendwo gefangen zu sein, mit Mauern und Stacheldraht. Dass man Reisen kann und überall hinkommt“. Ihre unverhohlene Art, den Unmut und Ärger ihrer sozialen Wirklichkeit auszusprechen, ergießt sich als mitreißender Strom des Wunsches, die staatliche Ignoranz und Borniertheit anzugreifen, einzureißen und auszustellen.