Wo kommen wir her?

Wo kommen wir her?

Verwirrend vielschichtig: Anne Tismer und Freunde mit „Lomé in Leuchtfarben und Marschmellows“ im Kunstraum im Flutgraben

 

© Michael Bause

„Wir kommen von irgendwo her. Es ist eine mächtige Energie, die das Gute in uns vereinigt“, sagt eine togolesische Schauspielerin auf der Bühne, während die deutsche Übersetzung auf die Wand hinter ihr projiziert wird. Eben noch hat sie zusammen mit den Anderen versucht, dem Publikum farbige Stoffe zu verkaufen, es vom Material zu überzeugen. Jetzt diskutiert sie mit den anderen Akteuren über Religion, zum Beispiel: Was bringt uns dazu, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden?

In „Lomé in Leuchtfarben und Marschmellows“ in der Kunstfabrik am Flutgraben inszenieren die zwölf Darsteller Marktsituationen. Viele von ihnen sind in selbstgestrickte Stoffkostüme gehüllt. Sie reden wild durcheinander, kreuz und quer auf Englisch, Deutsch und Französisch.

Später erzählt ein Darsteller über die „Nana Benz“, die ersten Dorfbewohner, die sich einen Mercedes Benz leisten konnten. Finanziert wird das Gefährt von den Einnahmen durch den Stoffhandel, um den sie große Mythen und Geschichten bauten.

© Michael Bause

Auch Voodoo ist ein zentrales Thema für die Dorfbewohner. Sie fürchten sich vor seiner Kraft: „Wenn das Vodoo kommt, muss man ein Kreuz an die Tür machen. Es bringt auch Unglück wenn man zu viel darüber spricht!“

Das Kollektiv, dass sich in Togo gefunden hat, bildet sich aus verschiedenen Kunstdarstellern. Anne Tismer ist ihr Mittelpunkt. Einst war sie ein Schauspiel-Star, etwa an der Berliner Schaubühne. Jetzt hat sie sich davon distanziert und bezeichnet sich als Performerin.

Diese Kunstinstallation im Flutgraben hat ebenfalls musikalische Ebenen, die live gesungen und mit Gitarre begleitet werden. Ein Maler zeichnet auf einer Leinwand Frauen. Plastiken hängen an Seilen und von der Decke. In einer Szene scheidet eine Darstellerin lange „Wurstketten“ aus, die aus bunter Wolle gewoben sind.

Entstanden ist der vorgetragene Text als gemeinsame Arbeit aller Darsteller. Er erklärt sich nicht von selbst – die Phantasie der Zuschauer ist gefordert. Daneben führen die Akteure auf der Bühne Absprachen: Wer muss wann wo hin?

© Michael Bause

So entfalten sich über eine gute Stunde verteilt die wichtigen togolesischen Themen: Religion, Bildung, Sexualität. Es werden Eindrücke formuliert, Geschichten von Händlern erzählt und den Stoffen Namen gegeben. Denn „Namen sind Marken“. Also fallen im nächsten Satz Begriffe wie „Coca Cola“ und „Gucci“.

Einen roten Faden aber gibt es nicht, nur Anregungen, Denkanstöße. Es scheint den Machern keine Bedeutung darin zu liegen, zu provozieren oder den Eindruck der absoluten Kunstpräsenz zu evozieren. Was bleibt? Nachdenken über Politik, Konsum, Afrika. Und gute Musik.