Wow, ein Wüterich!

„Das Prinzip Struwwelpeter 1 – Die Geschichte vom bösen Friedrich“ vom Theater RambaZamba

Kinder sollen möglichst lieb sein und nichts tun, was sie selbst oder andere gefährdet – das ist weitgehend Konsens. Kinder sollen gefälligst lieb sein und nichts tun, was sie selbst oder andere gefährdet, sonst setzt es was, zum Beispiel einen Biss ins Bein oder abgehackte Finger – das ist… Struwwelpeter. Weil die gewaltsamen körperlichen Strafen für Fehlverhalten, die Heinrich Hoffmann in seinem Kinderbuchbeststeller heraufbeschwor, sich spätestens seit ’68 nicht mehr so richtig mit modernen Erziehungsvorstellungen vereinbaren lassen, erfand F. K. Waechter 1970 den Anti-Struwwelpeter, der den drohenden Gestus der Vorlage ironisch liberalisierte.
Atmen die zehn Theaterskizzen der Festivalreihe „Das Prinzip Struwwelpeter“ einen ähnlich aufrührerischen Geist, oder übertreffen sie ihn vielleicht sogar?

Das Theater RambaZamba unter der Leitung von Kay Langstengel macht mit der Geschichte vom bösen Friedrich den Anfang. Vor kargem Bühnenbild (links der Kühlschrank, mittig ein Regal mit Schnapsflasche als Wohnzimmer) sind Miniaturszenen von wenigen Minuten zu sehen: Es herrscht ein ständiges Auf- und Abtreten der Figuren, jede Begegnung ist eine Konfrontation, ein kleiner familiärer Kampf. Mutter zu Friedrich: „Bringst Du den Müll runter?“ – Friedrich: „Ich bin wohl hier der Haussklave… Hab ich danach wenigstens frei?“ – „Ja, Hausaufgaben hast du wohl keine, gehst ja eh nie in die Schule!“ In immer gleicher Pose ist die Mutter am Ende des Raumes zu sehen (den Fernseher vor ihr imaginiert der Zuschauer automatisch dazu).

Aus der alltäglichen Trostlosigkeit, die man in aktuellem Jargon vielleicht als Unterschichtsrealismus bezeichnen würde, entwickelt sich jedoch schnell eine Familientragödie beinahe antiken Ausmaßes: RambaZamba hat die Geschichte vom Wüterich nicht nur aktualisiert, sondern auch radikalisiert. Friedrich reißt nicht länger bloß Fliegen die Flügel aus, schlägt nicht nur „Stühl und Vögel tot“, seine Wut richtet sich vom heimischen Mobiliar- und Haustierbestand jetzt auf die Familienmitglieder selbst, und die verbalen Aggressionen gegen die abwesende Schwester („diese blöde Schlampe mit Helfersyndrom“) sind nur der harmlose Anfang. Er wird schließlich jemanden umbringen, wahrscheinlich mehrere, vielleicht sogar den eigenen Bruder. Sicher ist hier nichts, denn ein Großteil der Handlung findet nicht direkt auf der Bühne statt, sondern wird erst im Nachhinein erzählt, oft auch bloß in vagen Fetzen angedeutet.

Eine Schwäche ist diese Uneindeutigkeit nicht, sondern neben den herausragenden Schauspielern die größte Stärke der beeindruckenden Inszenierung: Als wirksamer Kunstgriff macht sie die Verlorenheit der Hauptfigur bedrohlich spürbar. Da boxt einer ins Leere, immer wieder, faselt von Gewalt, seine sprachliche Rohheit scheint halt- und grenzenlos – doch wie unterscheiden zwischen Prahlerei und realer Bedrohung? Spätestens seit Emstetten, Columbine, dem U-Bahnhof Friedrichstraße und wie die Schauplätze jugendlicher Gewaltausbrüche noch alle heißen sind die Gewissheiten da perdu.

Auf der Bühne bei RambaZamba jedenfalls kommt am Ende der Vater (an Friedrichs statt?) ins Gefängnis, die Mutter in die Psychiatrie, allein bleiben die Kinder in der Wohnung zurück. Ratlos und verloren sitzen sie da, die Lebensmittelvorräte werden schon knapp. Da das Jugendamt keine Option ist („Wenn wir noch eine von denen verschwinden lassen, fällt das auf, und viel im Portemonnaie hatte die eh nicht“), bleibt nur noch eins: der Banküberfall. Ob dieses aufregenden Wagnisses kommt plötzlich wieder Leben in die ermatteten Gesichter. „Wuhuhu!“, jubelt Friedrich gar.

Sven Normanns meisterhafte Darstellung der wilden Rebellion gegen die ungreifbare Perspektivlosigkeit ist das Kraftzentrum der Aufführung. Sein Friedrich ist voller Lebensdrang, dabei gewalttätig und trotzdem zutiefst faszinierend, und – er sitzt im Rollstuhl, wie seine Mutter und sein bester Freund übrigens auch. Oder doch nicht? Da ist sie wieder, die Gretchenfrage des Festivals: Spielen Schauspieler mit Behinderung auf der Bühne „automatisch“ Figuren mit eben dieser Behinderung? So wie ein Mann meist als Mann, eine Frau als Frau besetzt wird? Und was ist dann mit Shakespeares Zeit, zu der Frauenrollen aus Anstandsgründen generell von Männern verkörpert wurden? Das führt allerdings weit weg von diesem „Struwwelpeter“, der zu gut war, um mit einer abstrakten Betrachtung abseits von ihm zu enden. Nur noch so viel: RambaZambas Friedrich ist kein Rollstuhlfahrer, sondern der tragische Held einer universellen Coming-of-Age-Geschichte ohne Happy End.

Mehr zum „Struwwelpeter“? Juli Zucker schrieb über die 2. Episode vom Suppenkaspar.

1 Kommentar

  1. kathrin · 17. November 2011

    Danke für die schönen Worte. Das mit dem Fernseher finde ich gut, das habe ich (obwohl ich das Stück schon oft gesehen habe) noch nie gedacht…