WÜRDE ich so nicht schreiben

WÜRDE ich so nicht schreiben

Die Menschenwürde bleibt eine Floskel, solange sie die Betroffenen nicht einfordern. Ein Plädoyer für politisches Inklusionstheater

Es war ein erfrischend befreiender Perspektivwechsel, den ich im Gespräch mit Kerstin Grassmann und Norbert Müller erlebte. Nicht zuletzt ein Denkanstoß in Sachen Inklusion: Fühlten sich von dem Begiff nicht schon immer eher Menschen angesprochen, die ohnehin im alltäglichen Kontakt mit Menschen mit Behinderungen stehen? Und nicht die Politik? Die hat anscheinend mit dem Grundgesetz Art. 1 und der UN-Konvention ihre Arbeit eingestellt.

„Du bist krank und hast kein Recht.“

Grassmanns Worte klangen in unserem Gespräch hingegen viel näher an der Realität als verschleiernde Begrifflichkeiten. Sie sagte da einmal über den Stundenlohn in einer Behindertenwerkstatt: „So wenig Geld. 67 Cent. Seitdem ich behindert bin, ärgert mich das dermaßen. Ich denke mir, vielleicht muss das so sein. Du bist krank und hast kein Recht. Kein Recht darauf, genauso viel Geld zu haben und zu verdienen wie ein gesunder Mensch. Dass immer noch so ein großer Unterschied gemacht wird zwischen arm und reich, krank und gesund. Da frage ich mich wirklich: Wo bleibt hier die Menschenwürde?“

Der Mensch braucht einen Wert. Die immateriellste Währung, die er geschaffen hat, ist die Würde. Sie bezeichnet sittliche und moralische Werte, die einem Menschen in stark abstrahierter Form seine Eigenheiten und individuellen Wesensmerkmale zugestehen. Die unantastbare Menschenwürde ist durch das Grundgesetz Art. 1 und die UN-Konvention festgelegt und manifestiert dadurch eine weitere Problematik: Dem Menschen ist die Würde als Wesensmerkmal gegeben,  gleichzeitig muss sie aber auch erworben und gemacht werden.

Menschenrechte für sozialpolitische Gleichstellung

Ausgehend vom UN-Übereinkommen von 2006 wird Menschen mit Behinderung der volle Genuss der Menschenrechte und Grundfreiheiten zugestanden. Jegliche Unterscheidung, Ausschließung und Beschränkung aufgrund von Behinderung ist ein Ausdruck von Diskriminierung. Allzu schnell kommt es aber zu einer wirklichkeitsverschleiernden Gleichmachung, die die Unterschiede zwischen der nichtbehinderten Mehrheitsgesellschaft und den Menschen mit Behinderung in freundliche Floskeln auflöst nach dem Alltagsmotto: Wir sind doch alle gleich.

Dabei meinen die Menschenrechte eine sozialpolitische Gleichstellung – die es noch längst nicht gibt, selbst wenn in den allgemeinen Grundsätze der UN-Konvention steht, dass die Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderung zu achten ist. Genauso sind sie als Teil der menschlichen Vielfalt zu akzeptieren, die ihnen innewohnenden Würde zu achten, einschließlich der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, sowie sind Maßnahmen zu ergreifen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr kreatives, künstlerisches, intellektuelles Potenzial zu entfalten, nicht nur für sich selber, sondern auch zur Bereicherung der Gesellschaft.

Würde wohnt im Inneren eines_r jeden

Wenn das aber geschieht, wird die Würde schnell zum Deckmantel der Hilflosigkeit. So etwa in vielen Theaterkritiken, die zu „Disabled Theater“ erschienen, das Jérôme Bel mit Schauspielern des Zürcher Theater HORA erarbeitete und mit dem sich wegen seines weltweiten Erfolgs auch die Feuilletons auseinandersetzen mussten. Viele enthalten u.a. die Kernaussage, dass die Schauspieler_innen trotz ihrer Behinderung stolz sein können auf ihre Leistungen. Als Kitt, der die Behinderung und das Können argumentativ plausibel erscheinen lässt, dient die Würde, die die Schauspieler_innen angeblich bewahrten – vor allem aber den Kritiken half, ihre Aussagen über die „Trotzdem-Menschen“ zu positivieren.

Schließlich ist die Würde kein kritisches Argument, sondern in diesem Fall ein Zeichen der Ohnmacht. Wenn Würde ist, dann ist sie gegeben, bedingungslos. Einen Menschen damit zusätzlich zu markieren, markiert auch immer gleich das Defizit, das ihn speziell schützenswert macht. Auf der Bühne verliert man seine Würde nicht durch einen Texthänger. Genauso wenig kann man sie durch seine reine Präsenz wahren oder gar gewinnen. Sie ist nichts, das von Außen an jemanden herangetragen werden muss. Sie wohnt im Inneren eines_r jeden.

Mehr politisches Theater wagen

Initiativen wie das NO LIMITS-Festival sind wichtige künstlerische Sprachrohre, um behinderte Menschen und ihren kulturellen Beitrag und Können für die Gesellschaft sichtbar zu machen – selbst wenn sich hier noch Vieles im kleinen Rahmen einer eingeschworenen Gemeinschaft abspielt. Allerdings wurde in diesem Jahr deutlich, dass sich integrative Theatergruppen in Deutschland zu wenig mit politischen Themen auseinandersetzen, obwohl sie und ihre Protagonisten doch unmittelbar von politischen Prozessen und Entscheidungen betroffen sind. Satirenhafte Inszenierungen wie „Am liebsten zu dritt„, die dem Komödiantischen den Vorzug geben, taugen nur bedingt zur Gesellschaftskritik.

Sobald man Menschen wie Grassmann und Müller zuhört, die durch strukturelle politische Missverhältnisse an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, merkt man, wie anders die  sozialpolitische Realität aussieht, wie floskelhaft hier ein Reden über Menschenwürde klingt. Empört sich ein behinderter Mensch über die Menschenwürde, beschwört dies eine bittere Realität. Eine Realität, die erzählt werden müsste.

Was wir brauchen, ist ein Aufstand: einen theaterästhetischen. Eine Intervention des Theaters im öffentlichen Raum, wie es etwa Christoph Schlingensief tat. Der Kunst das Schöne nehmen und die Hässlichkeiten der Politik hinzufügen. Für integrative Theaterkollektive wären das Wege, an Relevanz auch jenseits ihrer Nische zu gewinnen – Wege, die ich gerne bei der siebten NO LIMITS-Ausgabe sehen würde.

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