"Bei Schlingensief schläft man bestimmt nicht ein"

"Bei Schlingensief schläft man bestimmt nicht ein"

Das Panel „Ästhetik und Behinderung“ des Symposiums „Die Neoprofis“

„Ja, DANKE Herr Professor!“ Mit entschiedenem Lächeln zieht Mario Garzaner dem Herrn im Publikum das Mikro weg, wobei er seine Abneigung gegen dessen letzte Äußerung kaum verbirgt. „Nee, Schlingensiefs Theater war nicht so mein Fall – ich sehe mir lieber mal die schöne traditionelle Inszenierung eines Klassikers an“, hatte Prof. Gerd Koch, nach seinen Theatervorlieben befragt, gestanden. Der Grazer Schauspieler Garzaner hat selbst über zehn Jahre bei Christoph Schlingensief gespielt, und wirkte er eben auf dem Podium beim Künstlergespräch über die Arbeit mit ihm noch etwas einsilbig, so ist er jetzt ganz in seinem Element. Eigentlich hatte er sich ja sowieso bereits im Vorfeld gewünscht, selbst die Moderation zu übernehmen, und wenigstens in den letzten Minuten gibt Dr. Benjamin Wihstutz von der Freien Universität Berlin, der mit der Aufgabe betraut wurde, die Regie dann doch noch ganz an Garzana ab.

Was für ein Glück! Denn so wird das Gespräch mit dem Schlingensief-Team, das mit Kerstin Grassmann sowie den Eltern Garzaners ohnehin hervorragend besetzt war, zum Höhepunkt des nachmittäglichen Teils des Symposiums. „Also, eingeschlafen bin ich da bestimmt nicht auf der Bühne“, fasst Grassmann die Arbeit mit Schlingensief lakonisch zusammen. Mehrmals betont sie außerdem, dass er sie nie ausgenutzt habe, wie das von den Medien als Reaktion auf seine Arbeit mit geistig Behinderten oft behauptet worden sei. Nur ganz am Anfang, da sei sie schon ein bisschen misstrauisch gewesen, weil er ihr Schuhe geschenkt habe: „Ich dachte ja erst, der will was von mir, aber nix da! Die Schuhe waren wirklich nur für die Schauspielarbeit auf der Bühne.“

Das Auffälligste an Grassmanns Auftreten ist übrigens die schlagfertige Berliner Schnauze, die in schönem Kontrast zum vornehmen Grazer Dialekt der Garzaners und dem gepflegt-farblosen Hochdeutsch des Moderators steht – die regionalen Unterschiede dominieren hier ganz klar vor dem Gegensatz behindert-nicht behindert.

Wie entscheidend es ist, die Schauspieler mit Behinderung selbst aufs Podium zu holen, statt nur über sie zu diskutieren, wird immer wieder deutlich.

Der Werkstattbericht Frank Krugs zum Beispiel, in dem er die Probenarbeit mit Nele Winkler und Juliana Götze für „Lilith’s Return“ sichtlich begeistert und ergriffen schildert, fällt so detailreich und anschaulich aus, dass er an mancher Stelle das unangenehme Gefühl erzeugt, Zeuge viel zu intimer Szenen zu werden. Muss ich wirklich erfahren, dass Nele „zwei Monde“ zunächst als „zwei Monate“ missversteht, oder dass Juliana und sie anfangs partout nicht „denn“ sagen wollten? Und hätte der Regisseur von der Erarbeitung eines Stücks mit Schauspielerinnen ohne Behinderung ebenso viel verraten, mit gleicher Offenheit die anfänglichen Schwierigkeiten offengelegt – man möchte fast sagen: bloßgestellt?

Zugleich ist klar, dass Krug sich an keinem Punkt über die beiden Schauspielerinnen mit Down-Syndrom lustig machen will. Doch trotz seiner offensichtlichen Bewunderung für ihre Fähigkeiten und Bühnenpräsenz bleibt der unangenehme Beigeschmack, dass hier jemand vom überstandenen Abenteuer mit dem Fremden berichtet, und dafür nachträglich Verständnis und Bewunderung von ’seinesgleichen‘ sucht, indem er sie in jedes faszinierend andersartige Detail einweiht.

Der anschließende, beeindruckende Tanzauftritt von Nele Winkler und Juliana Götze mit einem kurzen Ausschnitt der beschriebenen Inszenierung „Liliths’s Return“ kann die Beklemmung nicht völlig vertreiben.