Das Böse lauert in jedem von uns

„Food Court“, die Bühnenshow des Back to Back Theatres, eröffnet heute Abend das No Limits Festival

Zwei Frauen sitzen einander gegenüber. „Sag doch was! Sag doch was! Kannst du nicht sprechen?“, brüllt die eine. Trotz ihrer lauten Stimme versteht man sie kaum, so sehr nuschelt sie.
Die andere scheint sich gar nicht angesprochen zu fühlen. Sie starrt nur apathisch vor sich hin. Sieht sie überhaupt etwas? Weiß sie, wo sie ist, was mit ihr geschieht? „Okay, gut!“, ruft der Regisseur der stummen Frau zu. „Jetzt komm nach vorne zum Bühnenrand, Sarah!“ „Ja, ich komme!“, erwidert sie klar und deutlich.

Auf einmal ist es mir peinlich, dass ich keine Sekunde daran gedacht habe, dass sie die Sprachlosigkeit und Apathie nur spielt. Mir wird klar, dass die Frau, die anfangs so gebrüllt hat, wahrscheinlich in Wahrheit viel besser sprechen kann… Bis ich in der Probenpause ein Gespräch überhöre, bei dem ich bemerke, dass sie tatsächlich nuschelt. 

Verstörend ist diese Erfahrung und zutiefst beeindruckend, weil jegliche Vorstellung, die ich mir im Vorfeld über die Arbeit des Back to Back Theatres gemacht habe, über den Haufen geworfen wird. Heute Abend eröffnet die Truppe aus Australien mit „Food Court“ das No Limits Festival. Die bisherigen Produktionen des Theaters haben sich oft im öffentlichen Raum abgespielt. „Bei „Food Court“ haben wir uns jedoch dazu entschieden, uns den Bedingungen zu stellen, die die architektonische Struktur des konventionelles Theaterraumes an die Schauspieler stellt“, sagt Regisseur Bruce Gladwin, der das Theater seit 1999 leitet. 

Im konventionellen Theaterraum hat das Auftreten der Darsteller immer eine doppelte Bedeutung. Zum einen erscheint natürlich ihr individueller Leib auf der Bühne, zugleich verkörpern sie aber eine fiktive Figur. Gladwin: „Das Publikum sieht zwar einen Menschen mit Down-Syndrom vor sich, aber dennoch stellt sich die Frage: Ist dieser Mensch behindert? Denn er steht ja auch als fiktive Figur aus einem Stück auf der Bühne. Er spielt die Behinderung. Wir erzeugen durch unsere Show ein Gefühl der Unsicherheit im Zuschauer, eine Spannung, die sich während der ganzen Aufführung über nicht auflöst.“

Die Geschichte von „Food Court“ dreht sich vor allem um die Ausgrenzung und Demütigung einer Frau. Während des Interviews ist von der Bühne her immer wieder Gebrüll zu vernehmen. „Du bist fett! Fette Sau! Verschwinde!“, dazu lacht eine dritte Schauspielerin gehässig ins Mikro.  

„Dies ist ein weiterer wichtiger Aspekt unserer Show: Menschen, die als behindert eingestuft werden, verkörpern plötzlich Täter. Im Alltag wird behinderten Menschen automatisch eine Opferrolle zugeschrieben. Sie werden als harmlos und unschuldig betrachtet. Das Potenzial, böse zu sein, ist aber in jedem Menschen verankert. Es ist das, was uns menschlich macht. Zu behaupten, dass Behinderte dieses Potenzial nicht besäßen, bedeutet, sie nicht als Menschen zu betrachten.“

Auf die Frage hin, ob sich die Darsteller in „Food Court“ auf der Bühne nicht vor den Zuschauern entblößt fühlen, antwortet Gladwin: „Zu Beginn der Show starren die Schauspieler das Publikum erst einmal stumm an. So findet eine Rollenverkehrung statt. Plötzlich stehen nicht die Darsteller, sondern die Zuschauer unter Beobachtung. Sie sind den Blicken der Akteure ausgeliefert. Das Gefühl der Hilflosigkeit, das die Zuschauer erfasst, wird durch die gespielten Gewaltakte auf der Bühne noch verstärkt.“ 

Im Verlauf der Aufführung flieht die gedemütigte Frau in einen Wald, wo das Böse auf sie lauert. „Wie in einem Märchen der Gebrüder Grimm.“, sagt Gladwin. Die Show wird die ganze Zeit über live von der Band „The Necks“ begleitet, deren hypnotisierende Musik zum traumartigen Charakter der Landschaft auf der Bühne beiträgt. Gladwin: „Ich glaube daran, dass unsere Show Momente schafft, die in das Unterbewusste der Zuschauer eindringen und sich von dort einen Weg in ihre Träume bahnen.“