Die Burger-Frage

Die Burger-Frage

Die NO-LIMITS-Eröffnungsinszenierung „Food Court“ macht Opfer zu Tätern

Hast du schon mal einen Burger gegessen? Nein.
Hast du schon mal ein Hot Dog gegessen? Nein.
Hast du schon mal Pommes gegessen? Nein.

Normale Fragen. Eigentlich. Aber hier fragt eine Fettleibige eine andere Fettleibige. Und das nicht in der Neuköllner U- Bahn, sondern mitten auf der Bühne vom HAU1 in Kreuzberg. Die Fragen als Metaphern gestellt: eine Gesellschaft, die verlangt, dass ihre Teilnehmer funktionieren. Das australische Back to Back Theatre spielt, mit musikalischer Untermalung von The Necks, „Food Court“. Eine Geschichte von Peinigung, Außenseitern und Mobbing.

Doch die Fettleibigen mobben sich nicht untereinander, sondern eine Dritte, die offensichtlich nicht sprechen kann und zusätzlich eine Gehbehinderung hat. Sie werfen ihr Beleidigungen an den Kopf, die sie sich wahrscheinlich im echten Leben selbst anhören mussten: „ Du Fette“. In engen grellen Anzügen, in denen sie sich zu Beginn auch ins Profil drehen, wird ihre eigene Fettleibigkeit untermalt. Die Sprachlosigkeit der Gedemütigten wird durch einen Vierten unterstrichen, der während des Gesprächs mit einem Mikrofon hin und her läuft. Hier wird nicht kaschiert, sondern betont. Das Publikum hat keine Chance zu übersehen, wo doch bei Behinderung, Mobbing oder Hässlichkeit sonst gerne weggeschaut wird. Die Beschimpfungen schreien eigentlich nach Hilfe, nach Schutz vor der eigenen Kraftlosigkeit.

Die Situation wird krasser, analog dazu auch die Musik. The Necks untermalen das Stück mit Klavier, Cello und Schlagzeug. Bald fällt gar nicht mehr auf, dass sie spielen. Die Dialoge werden auf die halbdurchsichtig aufgespannte Leinwand projiziert, auf Deutsch und Englisch. Die Bühne ist neblig – Caspar David Friedrich hätte der Bühnenbildner sein können. Nur wurde die Romantik durch Szenen des Grauens ersetzt. Das Opfer wird von ihren Peinigern dazu gezwungen, in einem auf die Bühne projizierten Wald nackt zu tanzen, bis sie später ganz erschlagen wird.

„Das ist nicht gut für dich“, lautet die Schlussfolgerung auf die „Burgerfrage“. Und die offensichtliche Aussage beim Anblick der beiden Fettleibigen ist: Wir haben es nicht geschafft. Wir konnten nicht widerstehen. Wir hatten nicht genug Kraft.

In unser Gesellschaft wird es als normal verkauft, dass man sich zusammenreißt, Sport treibt, arbeitet und eigentlich auch glücklich ist. Wer nicht hinterher kommt ist selbst Schuld. Du hattest die Freiheit es zu schaffen, du hattest die Freiheit dein Essen selbst zu wählen: Du bist deines Unglücks eigener Schmied. „Food Court“ macht Opfer zu Tätern und das Publikum zu Gewarnten.